24.04.2026

Die Antwort

Predigt zum 4. Ostersonntag von P. Guido Dupont O.Cist

Für all jene, die nicht wissen, was es mit dem Beruf des Hirten auf sich hat und welche Belastungen und Anstrengungen mit ihm verbunden sein können und für all jene, die romantisierend oder allzu idealisierend und naturverklärend auf diese Tätigkeit schauen, besteht doch ein gewisser Klärungsbedarf über die in der Bibel so häufig gebrauchte Bezeichnung. Der Hirt steht im Kern für das rechte Verhältnis von Abhängigkeit und Beziehung. Denn genau darum geht es, wenn von Hirten und ihrem Tun gesprochen wird. Man kann sogar davon sprechen, dass die Gestalt des Hirten so etwas wie eine Ur-Gestalt ist im menschlichen Gemeinschaftsgefüge. Der Hirte ist, so wird diese Bezeichnung direkt für das Tun und auch umschreibend in Bezug auf die gesellschaftsbezogene erweiterte Funktion benutzt, der Hüter und Wächter.

Im biblischen Gebrauch verbindet sich mit dem Bild des Hirten jemand, dem man absolut vertrauen kann. So verwendet die Bibel diese Bezeichnung im positiven Sinn. Gemeint sind die Richter des Volkes, die Führer und Leiter, die Könige und die Propheten bis hin zu Jesus und den Jüngern. Da ist von einer Vertrauensbasis die Rede, die zwischen Hirten und Herde vorhanden sein muss: Die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten – und er kennt alle mit Namen. Der Hirt ist wie eine Tür, um Zugang zu eröffnen zu den Weiden, dorthin, wo Lebensnahrung zu bekommen ist und damit „Leben in Fülle“. Der Hirt geht der Herde voran. Er hält sich nicht raus, wenn es Konflikte gibt. Er hat keine Angst, neue Wege zu beschreiten. Der Hirt unterscheidet sich deutlich vom Dieb, der nur seinen eigenen Vorteil sucht, der ausbeutet und zerstört. Der Hirt ist bereit, sich sogar in Lebensgefahr zu begeben, wenn es um den Schutz der ihm Anvertrauten geht.

In Bezug auf Jesus, der im Evangelium heute mit der Gestalt des Hirten gleichgesetzt wird, ist es sicher richtig, die angesprochene Vertrauensbasis einmal ganz persönlich zu betrachten, denn da kommt etwas zum Klingen, das mit den eigenen Sehnsüchten und dem tieferen Suchen zu tun hat. Ich lade zu dieser Betrachtung ein. Sicher treffe ich auf Zustimmung: Jeder und jede von uns möchte jemand sein, möchte mit Namen gerufen werden, möchte gekannt und angenommen sein, hineingenommen in eine Gemeinschaft, die trägt und leben lässt. Mit Blick auf die eigenen Schwächen und auf manche Armseligkeit tut es gut, beim Namen gerufen zu werden und so zu hören: Ich bin trotz all meiner Schwachheit und vielleicht übergroßen Selbstbezogenheit nicht vergessen. Ich brauche keine Angst zu haben, dass ich verloren gehe. Ich möchte in diesem Leben zurechtkommen, auch dann, wenn mir mein Leben wie eine Wüste scheint; je, auch dann, wenn Notwendiges knapp wird, wenn die Tage trocken sind und die Farben der Träume sich in grauen Nebelschwaden verlieren. Und manchmal ist das Leben wie ein mühsamer Weg durch eine Landschaft des Durcheinanders. Da ist so viel, was mir Angst macht. Was ist richtig? Wie soll ich mich verhalten? Was soll ich wählen? Und was besser lassen? Meinen die oder jene es gut mit wir? Will man mich ausnutzen, übervorteilen? Wer vermag mir Rat zu geben, echten und guten Rat?

Ich gehe noch ein Stück weiter in dieser persönlichen Annäherung an den Guten Hirten. Wer sucht nicht danach, für das Leben das zu finden, was wirklich Halt gibt und, was nicht irgendwann als große Enttäuschung wie eine Seifenblase zerplatzt. Nein, es geht hier nicht um vordergründig materielle Werte, sondern um die tragende Tiefe der Existenz. Ich sehne mich nach Nahrung, von der mir nicht der Maßlosigkeit wegen schlecht wird – wie nach dem Genuss einer gewaltigen Sahnetorte oder einer schrecklich übertriebenen Völlerei. Echte Schafe werden sich kaum überfressen. – Ich sehne mich nach dem, der wirklich Zukunft eröffnet, nach einer Türe, hinter der nicht alles im Dunkeln liegt, hinter der nicht nur schöne Kulissen stehen, und die sich nicht als bloßes Traumbild erweisen wird oder als Fata Morgana und in einer Sackgasse endet. Ich möchte glauben und darauf vertrauen, dass es mehr gibt als Supercomputer und KI, mehr als die Macht der Ökonomie und die Gewalt des Egoismus und die Selbstbezogenheit narzisstischen Denkens. Ich sehne mich danach, dass wir Menschen verwandelt werden, verwandelt hin zu mehr Liebe und Verstehen, zu mehr Toleranz und Gerechtigkeit und wir nicht seelisch verarmen durch das übliche Ausnützen und Ausschlachten der Mitmenschen, der Natur und der ganzen Welt.

Ganz sicher wäre hier noch vieles aufzuführen. Da mag auch ein jeder und eine jede für sich das Innerste erforschen und bedenken.

Jesus, der Gute Hirt, gibt auf die Sehnsüchte eine Antwort, besser, er ist die Antwort. Dazu ist er in die Welt gekommen. – Nicht damit nach dem Ende seines irdischen Daseins der Traum ausgeträumt ist und alles vorüber. Nein, es soll natürlich weitergehen – in seinem Sinn, in seinem Geist, im heilenden und heiligen Geist. Der eigentliche Hirte ist und bleibt Gott selbst – erfahrbar geworden in Jesus Christus. Und alle, die ihren Mit-Menschen in diesem Sinn als Hirten begegnen – sei es in der Kirche oder unter diesem Anspruch auch in der Welt – haben niemand anderen als Maßstab als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn und werden daran gemessen.

Ihnen weiterhin eine gesegnete Osterzeit und bleibt behütet!                         
Ihr P. Guido

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