08.05.2026
Liebhaben
Liebhaben
„Mama, hast Du mich noch lieb?“ so fragen Kinder schon mal, wenn sie unsicher sind, weil sie etwas falsch gemacht haben und dafür geschimpft werden oder Strafe erwarten. Natürlich spürt jedes Kind und vermutet es, dass die Liebe der Eltern von ihrem Wohlwollen und dem eigenen Verhalten abhängig ist, und tief in sich wissen sie auch, wie sehr sie die Liebe der Eltern zum Leben brauchen. Und da ist die Angst, man könnte durch das eigene Verhalten diese Liebe verlieren. Dabei sind manche von der Erwachsenen aufgestellte Regeln für Kinder vom Verstehen her kaum nachvollziehbar und deshalb kann man sie ja auch nicht erfüllen oder man will das nicht… Und dann gibt es oft genug die wenig bedachten Worte der genervten Mama’s und Papa’s: „Wenn du schön brav bist, dann hab‘ ich dich auch lieb!“ oder „Wenn du so ein Trotzkopf bist, dann mag ich dich nicht mehr!“ – „Wie soll ich dich den liebhaben, wenn du so eigensinnig bist!“
Im Grunde betrifft sie uns alle, diese heimliche und manchmal unheimliche Sorge, nicht mehr geliebt, nicht anerkannt und nicht beachtet zu werden.
Oft funktioniert die kleine und die große Welt genau so, dass wir uns im Alltag leider oft die Liebe und Zuneigung unserer Mitmenschen mit bestimmten Verhaltensweisen erkaufen müssen. Manchmal grenzt es sogar an Manipulation oder Erpressung. So mancher leidet darunter, vom Wohlwollen eines anderen abhängig zu sein, weil er auf die Beziehung - sei es privat oder beruflich - angewiesen ist.
Im Evangelium haben wir eben gehört, dass Jesus auch von der Liebe spricht. „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ sagt er (Joh 14,15). Im ersten Augenblick kann einem so ein Wort erschrecken. Warum? Knüpft Jesus denn seine Liebe und die Liebe Gottes an Bedingungen? Erfahren wir seine Liebe und sein Wohlwollen denn nur, wenn wir, wie gesagt im gewohnten zwischenmenschlichen Umgang, nach „seiner Pfeife tanzen“ und nur nach seinem Willen uns verhalten und in seinem Sinne brav und nett sind? Rechnet Jesus genauso mit uns ab, wie wir es im zwischenmenschlichen Bereich oft genug schmerzlich und enttäuschend erfahren? Haben Jesus und Gott uns nur lieb, wenn wir uns an ihre Gebote halten? Das würde doch bedeuten, dass Gott uns nicht mehr liebt, wenn wir zornig auf ihn sind, weil wir unter einem schweren Schicksal leiden und gar in der Gefahr sind, zu verzweifeln. Oder wenn wir einen schlimmen Fehler gemacht haben oder wenn wir schwere Schuld auf uns laden.
Ehrlich! So zu denken stellt eigentlich alles, was Jesus gesagt hat und was wir von ihm wissen auf den Kopf! Das kann doch nicht sein! Ich lese noch einmal: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh 14,15). Natürlich: Dieses „WENN“ beschreibt die Beziehung zu Jesus. Das heißt: WENN ihr in der Liebe mit mir verbunden seid, DANN handeln wir miteinander aus der Gemeinsamkeit dieser Verbindung, eben aus der LIEBE. – Und genau diese Verbindung will Jesus für immer mit den Jüngern und mit allen die zu ihm gehören stärken: „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll“ (Joh 14,16). Das, was Jesus hier den Jüngern am Vorabend seines Todes im Blick auf die Verbindung zu ihm und zu Gott zusagt, ist unendlich viel mehr als eine oberflächliche Gefühlsduselei oder eine Wellnessoption für schwere Zeiten. Wer in der Liebe lebt, wer in der tatsächlichen Verbindung mit dem Geliebten lebt, der wird immer in und aus dieser Liebe handeln. Das ist es, was Jesus hier deutlich macht. So sind die GEBOTE keine äußerlich zu erfüllende Option, kein Werkzeug, um als Ergebnis die Zuwendung und Liebe Jesu oder Gottes zu erhalten. Oder anders umschrieben: Die „zu haltenden Gebote“ und der „zu erfüllende Wille Gottes“ sind keine Währung und keine Leistung, um die Liebe und Zuwendung des Herrn zu kaufen. Sie sind vielmehr elementarer Teil der Beziehung selbst. Deshalb gipfelt das Wort Jesu auch in der Aussage: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es der mich liebt“ und „wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“ (Joh 14,21). Das ist eine völlige Veränderung des Blickes auf die Beziehung zu Gott. Jesus sagt also zu den Jüngern: „Wenn ihr mich liebt, dann werdet ihr all das tun, was die Liebe fordert, und das sind die Gebote (Weisungen), die ich euch gegeben habe.“ Wer also seine Verbindung zu Jesus, seine Beziehung zu ihm und damit auch seinen Glauben von und aus der Liebe zu ihm her definiert, der kann im Grunde nicht anders als aus ihm heraus auch zu handeln: Der wird also seine Gebote halten. Wer Jesus wirklich liebt, der ändert wie selbstverständlich auch sein Verhalten, so wie es eben Liebende machen, um in der Liebe zu bleiben, man versucht also, als Christin oder Christ im Alltag zu leben - so wie es Jesus uns vorgelebt hat. Dazu braucht es nicht den moralischen Zeigefinger und auch nicht Druck oder Zwang. Dieses Lieben geschieht aus einer tiefen inneren Haltung, aus einer inneren Freiheit heraus, genauer: Man liebt aus Liebe! So hat es der Hl. Augustinus gemeint, als er einmal sagte: Liebe und tu, was du willst!
Jesus weiß genau, wie schwer wir uns eine solche Haltung manchmal selbst machen. Mit der Gemeinschaft der Jünger, der Frauen, die um Jesus waren und der jungen Kirche ist uns Christen in der Zeitspanne nach Ostern bis Christi Himmelfahrt und bis Pfingsten im Lauf des Kirchenjahres immer die Vergewisserung dieses SEINS in Jesus geschenkt. Wir dürfen den Auferstandenen in unserem Leben entdecken und sehen, dass er in uns lebendig sein will. Deshalb – und hier schließt sich der Kreislauf seiner Liebe und damit der Liebe Gottes – verspricht er in seiner Abschiedsrede am Vorabend seines Todes, dass er den Vater um einen Beistand, den Heiligen Geist, für uns bittet. Die Kraft dieses Geistes will uns stärken, damit es uns gelingt, seine Gebote zu beachten und in seiner Liebe und damit in ihm zu bleiben.
Seien Sie in der Liebe des Herrn gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido