01.05.2026

Die Brücke

Predigt zum 5. Ostersonntag von P. Guido O.Cist.

 

Im Schauspiel des französischen Dichters und Schriftstellers Paul Claudel (1868-1955) „Der seidene Schuh“ (1925) begegnet uns in der Eröffnungsszene ein Jesuitenmissionar, der Bruder des Romanhelden Rodrigo, eines Weltmannes und ungewissen Abenteurers zwischen Gott und der Welt. Dieser Missionar wird uns als Schiffbrüchiger geschildert, dessen Schiff von Seeräubern geentert und versenkt wurde. Er selbst treibt an einen Holzbalken gebunden im tosenden Meer. Das Schauspiel beginnt mit einem Monolog des Missionars. Er sagt: „Herr, ich danke dir, dass du mich so gefesselt hast. Zuweilen geschah mir, dass ich deine Gebote mühsam fand, und meinen Willen im Angesicht deiner Satzung ratlos, versagend. Doch heute kann ich enger nicht an dich angebunden sein, als ich es bin, und mag ich auch meine Glieder eines um das andere durchgehen, keines kann sich auch nur ein wenig von dir entfernen. Und so bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, ist an nichts mehr geheftet. Es treibt auf dem Meere.“

Ich erinnere mich daran, dass Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., in seinem Buch „Einführung in das Christentum“ (1968) ebenfalls auf dieses Schauspiel Paul Claudels hinweist. Was der Jesuitenmissionar angebunden am Holzbalken begreift, scheint auch die Situation vieler Christen heute. Irgendwie im Sturmchaos unseres Zeitgeschehens gefangen, sind wir Christen gefesselt an den Balken des Kreuzes, der für Tod und Auferstehung Jesu Christi, des Menschen- und Gottessohnes steht. Wir Christen sind auf Gedeih aber nicht auf Verderb angeheftet an die Worte Jesu, die wir heute im Evangelium hörten: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1). Diese Worte, die Jesus an seine Freunde, die Jünger, am Vorabend seines Todes richtet, sie geben die Richtung und den Weg vor, der durch die Dunkelheit und über den Abgrund und durch das Chaos des Todes führen wird. Ja, ans Kreuz geheftet – das Kreuz aber an nichts über dem Abgrund. Am Balken über dem Abgrund treibend bleiben dennoch Zweifel und Ungewissheit und sie fordern gerade deshalb immer intensiver die Beziehung zu dem, der wie wir am Balken des Kreuzes in der scheinbaren Gottverlassenheit sich ganz in Gottes Hände gegeben hat. „In manus tuas Domine“ – „In deine Hände Herr“ wie es der Psalm 31 sagt, den Jesus am Kreuz betete (vgl. Lk 24,46).

Gerade in den Augenblicken des Lebens, in denen wir Gott nicht sehen und erst recht nicht begreifen, wird allein deutlich, dass die echte Antwort des „Ich glaube!“ der Weg mit Jesus ist. Das ist es, was Jesus den Jüngern am Vorabend seines Sterbens mit auf den Weg geben will. Das ist es auch, was wir in der Verwirrung unserer Tage als entscheidenden Hinweis brauchen: Die Hinwendung zu ihm und damit die Umkehr zu Gott. „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ und mehr noch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ (Joh 14,1b u. 14,6). Erinnern wir uns an die Worte des Petrus nach der großen Brotrede Jesu im sechsten Kapitel des Johannesevangeliums, als sich viele, die ihm nachfolgten, von Jesus getrennt hatten und er die Jünger fragte ob auch sie weggehen wollten: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68).

Für die Jünger und auch für die ersten christlichen Gemeinden war und ist genauso auch für uns die Zeit nach Ostern eine Zeit, in der der Glaube an die Nähe des auferstandenen Herrn entdeckt und irgendwie auch neu gelernt werden muss. Dabei zeigen sich in den Auferstehungserzählungen verschiedene Abschnitte dafür: Da ist zunächst die Erfahrung des leeren Grabes, dann die Begegnung mit Engeln, ebenso das neue Zusammenfinden von Gemeinschaft in der Kommunikation des Geschehens – die Botschaft der Frauen vom Grab, die Worte der Maria Magdalena – und verbunden mit der Begegnung mit dem Auferstandenen die Kontinuität des irdischen Jesus mit dem auferstandenen Herrn – er lässt sich anfassen, er isst mit ihnen, sie sehen und berühren die Wunden und dennoch geht er durch verschlossene Türen – bei all dem bleibt als Konsequenz das Wort des Glaubens als Brücke zum Auferstandenen.

Natürlich hätten wir gerne eindeutige Anweisungen, mit denen es gut möglich sein müsste, dem Kern unseres Glaubens und damit dem Auferstandenen und auch Gott zu begegnen. Aber genau das scheint heute für viele fast unmöglich. Ja, wir wissen um die Tradition und die entsprechenden Formen – Gottesdienst, Sakramente, Gebetsformen – unseres katholisch-kirchlichen Lebens. Sie sollten eigentlich eine Hilfe sein. Aber wir stellen fest: Auch viele Katholiken kennen sie nicht mehr… Oder aber man beißt sich fest an Einzelfragen und reduziert den Glauben auf Fragen der Sexualmoral oder auf die Frage des Zusammenwirkens von Männern und Frauen in der Kirche, oder auf den Zölibat, oder den Umgang mit Macht und so weiter und so weiter, so als wären das die einzigen Fragen, auf die es ankommt. Natürlich gilt es, schwierigen Fragen nicht auszuweichen und Probleme aus der Geschichte der Kirche, der Botschaft der Evangelien und der Entwicklung der Menschen, miteinander ins Gespräch zu bringen, um mit Gottes Geist Wege der Annäherung an den Glauben zu finden. Aber dieser Dialog muss immer Jesus als den Weg zu Gott klarer erkennbar werden lassen. In ihm sind wir an das Holz des Kreuzes und damit an das Leben von Gott her gebunden. So lesen wir es schon in der „Zwölfapostellehre“ einer Pastoralschrift aus der frühen Zeit der Christengemeinden: „Wer zu euch kommt und euch alles lehrt, was gesagt worden ist, den nehmt auf. Lehrt er zur Mehrung der Gerechtigkeit und Erkenntnis des Herrn, so nehmt ihn auf wie den Herrn selbst.“ Das ist der richtige „gemeinsame“ Weg, der „synodale“ Weg. Und der wird auch deutlich und erweist sich als Weg in die Zukunft, wenn wir uns die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium vor Augen halten: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater“ (Joh 14,12). Das allein ist zukunftsweisend für den eigenen und den gemeindlichen Glauben, dass wir Jesus als Weg und Ziel ins Auge fassen: Jesus und sein Weg müssen sichtbar werden, damit wir zum Vater finden, denn nur er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) und keiner findet zum Vater außer durch ihn.

 

Ihnen den Segen des Auferstandenen und bleibt behütet!                    

Ihr P. Guido

 

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