29.05.2026

Austeilen und Herschenken

Predigt zum Hochfest Dreifaltigkeit und Fronleichnam von P. Guido Dupont O.Cist.

 A – Ex 34,4b.5-6.8-9; 2 Kor 13,11-13 u. Joh 3,16-18 und – Dtn 8,2-3.14-16a; 1 Kor 10,16-17 u. Joh 6,51-58

 

Ganz sicher sind Sie verwundert, dass ich für diese beiden Hochfeste, die ja nun wirklich auch theologisch ihr ganz eigenes Gewicht haben, nur eine Predigt vorsehe. Es wird sich von selbst erklären. Schauen wir zunächst auf das Hochfest der göttlichen Dreifaltigkeit.

Eine Woche nach Pfingsten feiern wir im Festgeheimnis der Trinität Gottes wie Gott sich uns Menschen in seinem innersten Wesen mitteilt. Die Theologie hat im Verlauf ihrer Geschichte immer wieder die verschiedensten Bilder entdeckt, um dieses Festgeheimnis zu entfalten. Drei Personen – eine Wesenheit, das ist noch das bekannteste dieser Bilder, das auch in das Taufbekenntnis des großen Glaubensbekenntnisses eingegangen ist. Drei Falten eines Stoffes, eine Flamme dreier Kerzen, die drei Grundfarben – gelb, rot und blau – die erst in ihrer Verbindung das ganze Farbspektrum des Lebens sichtbar machen… es gibt noch eine ganze Reihe solcher und ähnlicher Bilder. Dennoch sind es aber nur Bilder, die die Wirklichkeit Gottes nur abbilden können, ohne sie erschöpfend zu erklären. Nun, wir können mit unserem menschlichen Verstand die göttliche Wirklichkeit als personale Dimension sowieso nur ausschnitthaft entschlüsseln und verstehen. Übrigens ist das im Verständnis personaler Wirklichkeit unter uns Menschen nicht anders. Trotzdem suche ich nach etwas, das mir besser helfen kann näher an das personale Geheimnis Gottes zu kommen. Genau da komme ich zu dem, was im Evangelium des Dreifaltigkeitssonntags anklingt. Da heißt es: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3,17).

Eigentlich hätte Gott die Macht, all das, was schief gelaufen ist in der Beziehung der Menschen zu Gott – und da gibt es ja ziemlich viel, wenn wir nur daran denken, wie wenig wir Menschen Gott überhaupt und auch im Blick auf unser Geschaffen-Sein überhaupt achten – ja, Gott hat die Macht, wie damals bei der Sintflut den RESET-Knopf zu drücken und alles auf Anfang zurückzusetzen. Aber genau das ist nicht sein Handeln. Die „Allmacht“ Gottes bleibt nicht bei sich selbst und versucht nicht – wie wir es bei menschlicher Macht nur zu gut kennen – egoistisch sich selbst zu sichern und zu erhalten. Gott gibt Jesus, dem Gottes- und Menschensohn die Vollmacht sich auszuteilen und sich herzuschenken, um die Welt und die Menschen neu auszurichten. Sich AUSTEILEN und sich HERSCHENKEN das sind Worte, die mit Verbindung und Gemeinschaft zu tun haben, es sind Worte der Liebe. Die Hl. Schrift sagt ja: „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,16). Es sind Worte der Beziehung zwischen Vater, Sohn und Hl. Geist und zum Menschen.

Genau damit aber sind wir bei dem, was wir am Hochfest des Leibes und Blutes des Herrn sichtbar machen und feiern: Das Geschenk des Gottes- und Menschensohnes Jesus Christus in Leib und Blut der Hl. Eucharistie, in Brot und Wein, im HERSCHENKEN und AUSTEILEN seiner selbst. Das ist mehr als nur ein Bild oder Bildwort. Brot und Wein sind im gemeinsamen Mahl konkrete Werkzeuge der Liebe und der Gemeinschaft. Sie sind Nahrung und Verbindung für uns alle.

In einer kleinen Erzählung findet sich dafür eine wunderbare Erklärung. Die Geschichte erzählt von einem Bäcker, der in Paris seine Backstube und sein Geschäft hat:

An der Jakobstraße in Paris liegt ein Bäckerladen; da kaufen viele hundert Menschen ihr Brot. Der Besitzer ist ein guter Bäcker. Aber nicht nur deshalb kaufen die Leute des Viertels dort gern ihr Brot. Noch mehr zieht sie der alte Bäcker an: der Vater des jungen Bäckers. Meistens ist nämlich der alte Bäcker im Laden und verkauft. Dieser alte Bäcker ist ein spaßiger Kerl. Manche sagen: Er hat einen Tick. Aber nur manche; die meisten sagen: Er ist weise, er ist menschenfreundlich. Einige sagen sogar: Er ist ein Prophet. Aber als ihm das erzählt wurde, knurrte er vor sich hin: „Dummerei ...“

Da gab es zu Beispiel eine Geschichte mit Gaston: An einem frühen Morgen wurde die Ladentür aufgerissen, und ein großer Kerl stürzte herein. Er lief vor jemandem fort; das sah man sofort. Und da kam ihm der offene Bäckerladen gerade recht. Er stürzte also herein, schlug die Tür hastig hinter sich zu und schob den Riegel von innen vor. „Was tun Sie denn da?“ fragte der alte Bäcker. „Die Kunden wollen zu mir herein, um Brot zu kaufen. Machen Sie die Tür sofort wieder auf.“ Der junge Mann war ganz außer Atem. Und da erschien vor dem Laden auch schon ein Mann wie ein Schwergewichtsboxer, in der Hand eine Eisenstange. Als er im Laden den jungen Kerl sah, wollte er auch hinein. Aber die Tür war verriegelt. „Er will mich erschlagen“, keuchte der junge Mann. „Wer? Der?“ fragte der Bäcker. „Mein Vater“, schrie der junge Mann, und er zitterte am ganzen Leibe. „Er will mich erschlagen. Er ist jähzornig. Er ist auf neunzig!“ „Das lass mich nur machen“, antwortete der alte Bäcker, ging zur Tür, schob den Riegel zurück und rief dem schweren Mann zu: „Guten Morgen, Gaston! Am frühen Morgen regst du dich schon so auf? Das ist ungesund. So kannst du nicht lange leben. Komm herein, Gaston. Aber benimm dich. Lass den Jungen in Ruh! In meinem Laden wird kein Mensch umgebracht!“ Der Mann mit der Eisenstange trat ein. Seinen Sohn schaute er gar nicht an. Und er war viel zu erregt, um dem Bäcker antworten zu können. Er wischte sich mit der Hand über die feuchte Stirn und schloss die Augen. Da hörte er den Bäcker sagen: „Komm, Gaston, iss ein Stück Brot; das beruhigt. Und iss es zusammen mit deinem Sohn, das versöhnt. Ich will auch ein Stück Brot essen, um euch bei der Versöhnung zu helfen.“ Dabei gab er jedem ein Stück Weißbrot. Und Gaston nahm das Brot, auch sein Sohn nahm das Brot. Und als sie davon aßen, sahen sie einander an, und der alte Bäcker lächelte beiden zu. Als sie das Brot gegessen hatten, sagte Gaston: „Komm, Junge, wir müssen an die Arbeit.“                                  (Aus Heinrich A. Mertens: Brot in deiner Hand, München, 6/1982, S.7-8)

Zur Ruhe kommen, versöhnt werden, gemeinsam das Leben formen, zueinanderstehen, füreinander da sein… Das und viel mehr umschreibt wunderbar, wer und wie Gott ist und wie er mit uns da ist und da sein will. So hat er es uns zuletzt in Jesus offenbart. Und das feiern wir an diesen beiden Hochfesten und machen es an diesen Tagen und hoffentlich in unserem Leben im AUSTEILEN und HERSCHENKEN sichtbar für die Welt.

 

Seien Sie in der Liebe Gottes gesegnet und behütet!                                           

Ihr P. Guido

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