13.03.2026

Verwandelt zu neuen Menschen

Predigt zum 4. Fastensonntag von P. Guido Dupont O.Cist.

Predigt zum 4. Fastensonntag – A – 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b; Eph 5,8-14 u. Joh 9,1-41 (Kurzf.)

 

Im Jahre 1966 erschien in einem Stuttgarter Verlag in deutscher Übersetzung der Lebensbericht eines blinden Schriftstellers und Hochschullehrers, der in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung Frankreichs in der Résistance Mitglied war und auch das KZ Buchenwald überlebte. Dieser Blinde heißt Jaques Lusseyran (1924-1971) und das Buch trägt den Titel „Das wiedergefundene Licht“.

Jaques wird 1924 in Paris geboren. Im Alter von 8 Jahren ist er nach einem Unfall völlig erblindet. Die Menschen um ihn herum, mit Ausnahme seiner Eltern, sind der Überzeugung, Blindsein bedeute Nichtsehen. Aber Jaques widerspricht. Er sieht. Er sieht, obwohl er blind ist. Wie kann das sein?

Dazu schreibt er:

 „Ich hatte das Licht in mir, obwohl ich nur ein Durchgangsort, ein Vorhof war; ich hatte das sehende Auge in mir. Dennoch gab es Zeiten, in denen das Licht nachließ, ja fast verschwand. Das war immer dann der Fall, wenn ich Angst hatte. Wenn ich, anstatt mich von Vertrauen tragen zu lassen und mich durch die Dinge hindurch zu stürzen, zögerte, prüfte, wenn ich an die Wand dachte, an die halb geöffnete Türe, den Schlüssel im Schloß, wenn ich mir sagte, dass alle Dinge feindlich waren und mich stoßen, oder kratzen wollten, dann stieß oder verletzte ich mich bestimmt. Die einzige Art, mich im Haus, im Garten oder am Strand leicht fortzubewegen war, gar nicht oder möglichst wenig daran zu denken. Dann wurde ich geführt, dann ging ich meinen Weg, vorbei an allen Hindernissen, so sicher, wie man es den Fledermäusen nachsagt. Was der Verlust meiner Augen nicht hatte bewirken können, bewirkte die Angst: sie machte mich blind. Dieselbe Wirkung hatten Zorn und Ungeduld, sie brachten alles in Verwirrung. Eine Minute zuvor kannte ich noch genau den Platz, den alle Gegenstände in meinem Zimmer einnahmen, doch wenn mich der Zorn überkam, zürnten die Dinge noch mehr als ich; sie verkrochen sich in ganz unerwartete Winkel, verwirrten sich, kippten um, lallten wie Verrückte und blickten wild um sich. Ich aber wußte nicht mehr, worauf meine Hand legen, meinen Fuß setzen, überall tat ich mir weh. Dieser Mechanismus funktionierte so gut, dass ich vorsichtig wurde.

Wenn mich beim Spiel mit meinen kleinen Kameraden plötzlich die Lust ankam zu gewinnen, um jeden preis als Erster ans Ziel zu gelangen, dann sah ich mit einem Schlag nichts mehr. Ich wurde buchstäblich von Nebel, von Rauch umhüllt.

Die schlimmsten Folgen aber hatte die Boshaftigkeit. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, mißgünstig oder gereizt zu sein, denn sofort legte sich eine Binde über meine Augen, ich war gefesselt, geknebelt, außer Gefecht gesetzt; augenblicklich tat sich um mich ein schwarzes Loch auf, und ich war hilflos. Wenn ich dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt. Ist es verwunderlich, daß ich schon früh die Freundschaft und Harmonie liebte? ... Ich wußte immer, wo man gehen durfte und wo nicht. Ich hatte nur auf das große Lichtsignal zu sehen, das mich lehrte zu leben.“

(zitiert nach: Jacques Lusseyran, Das wiedergefundene Licht, Siebenstern TB 2/1971, S.17-18)

Beinahe alles, was Jaques Lusseyran erzählt, erinnert an das heutige Evangelium. Es erinnert auch an Gedanken des Bischofs Theophilus von Antiochien (+ um 180). Es ist nicht der Verlust der Augen, der völlig blind macht, sondern die innere Haltung, die zum Bösen, zum Dunklen hinzieht. Die Augen der Seele sind, so sagt es Bischof Theophilus, getrübt und erblindet durch die Sünde und die bösen Taten. Deshalb sind auch wir, obwohl vielleicht gesunden Auges, oft so blind und können das Gute und auch Gott nicht erkennen. Blindheit ist schlimm! Aber es ist die Blindheit des Herzens, welche die eigentliche und viel schlimmere Behinderung und Beeinträchtigung ist, weil sie das Leben überhaupt verhindert. Es ist die egoistische und zerstörerische Haltung in uns, die uns als Sehende erblinden lässt. Der blinde Junge Jaques konnte es sich nicht leisten, boshaft, habgierig oder missgünstig zu sein, weil sich sofort ein schwarzes Loch vor ihm auftat. Ehrlich: Können wir uns das denn leisten in unserer Welt so voller Missgunst, Hass und Angst?

In Jesus begegnet uns derjenige, der uns die Augen heilen möchte und sie uns öffnet, wenn wir ihn lassen, so wie er dem Blinden das Augenlicht des Leibes geschenkt hat. Jesus öffnet uns den Blick für die Wahrheiten unseres Lebens. Die Begegnung mit ihm öffnet uns die Augen für das Menschsein neu, denn in ihm, in seiner Liebe und Hingabebereitschaft leuchtet das Licht der Liebe Gottes auf. Deshalb sagt der Herr: „Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat“ (Joh 9,4).  Es ist erhellend zu sehen, wie Jesus dem Blinden das Augenlicht wiedergibt: Die Erde, der Speichel, das Aufstreichen der Erde auf die blinden Augen. Das ist nicht der „Starstich“ eines erprobten Augenarztes, es ist das Werk des Schöpfers selbst. Und dann der Auftrag zum Waschen am Teich Schiloach. All das deutet hin auf das „Neugeschaffen Werden“ durch die Taufe und die Vergebung der Sünden. Deshalb hat die Geschichte der Blindenheilung im Evangelium auch ihren bevorzugten Platz in der Vorbereitung auf Ostern in der Fastenzeit. Jetzt ist die Zeit für jeden von uns über das eigene Leben nachzudenken. Jetzt ist die Zeit sich die Augen öffnen zu lassen und umzukehren von möglichen falschen Wegen und sich beschenken zu lassen durch die Heilung des Herrn. Er allein kann uns neu schaffen.

„Wenn ich“, so schreibt der blinde Jaques Lusseyran, „dagegen glücklich und friedlich war, wenn ich den Menschen Vertrauen entgegenbrachte und von ihnen Gutes dachte, dann wurde ich mit Licht belohnt.“ Die Blindheit des Herzens verschließt uns die Augen für unsere Welt, unsere Mitmenschen und unseren Lebensweg. Sie lässt uns zu ängstlichen und hilflosen Bettlern werden.

Die Begegnung mit Jesus verwandelt uns zu neuen Menschen.

Welch eine Chance! Nutzen wir sie?

 

Ich wünsche weiterhin eine gesegnete Fastenzeit und bleibt behütet!          

Ihr P. Guido

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