20.02.2026

Ohnmacht der Liebe

Predigt zum 1. Fastensonntag von P. Guido Dupont O.cist.

Predigt zum 1. Fastensonntag – A – Gen 2,7-9; 3,1-7; Röm 5,12.17-19 und Mt 4,1-11

 

Vierzig Tage liegen mit der Österlichen Bußzeit, der Fastenzeit, vor uns. Eine Zeit der Vergewisserung, der Klärung unseres Christseins bis hin zum größten Fest unseres Glaubens, dem Osterfest. Das Evangelium erzählt von Jesus auch von einer solchen Zeit der Klärung, der Vergewisserung seines Weges. Wie es der Evangelist Matthäus erzählt, hörten wir eben.

Was Matthäus erzählt, stellt eine Auseinandersetzung in Jesu eigenem Inneren dar. Der „Geist Gottes“, der bei der Taufe auf ihn herabgekommen ist, „führt ihn“ gleich danach „in die Wüste, wo er vom Teufel versucht werden sollte“ (Mt 5,1), heißt es. Jesus soll sich ohne Ablenkung in der Einsamkeit der Wüste mit Gott darüber klar werden, was sein Auftrag ist. Dabei geht es um ein Grundmuster menschlicher Versuchungen, in denen jeder und jede von uns sich wiederfinden kann. Trotzdem dürfen wir das Gesagte nicht verallgemeinern, da es sich um Jesus, den Sohn Gottes und um seine Sendung handelt. „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl..., so stürz dich hinab“, legt Matthäus dem Versucher in den Mund.

Was auch wir kennen, erfährt auch Jesus: Er muss sich mit Bildern auseinandersetzen, die in seinem Inneren aufsteigen und sich als verlockende Visionen aufdrängen. Es ist die menschliche Phantasie, die das Gefährt der Versuchung ist. Es sind drei Bilder, die ihm vom Versucher vor Augen gestellt werden. Mich mutet das an, als seien es drei Rollen, die er als Messias, als Befreier der Menschen in seinem Leben übernehmen könnte, wenn er dem Versucher nachgeben würde.

Da ist zunächst das Bild vom „großen Ernährer der Menschheit“ („… befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird!“ - Mt 5,3). Das bedeutet: Wer mit einem Schlag alle Hungrigen sättigen kann, führt das goldene Zeitalter herauf, und schafft allenthalben Wohlstand, Glück und Zufriedenheit. Die Menschen würden ihn als Wohltäter verehren. Sie würden ihm ergeben sein wie zufriedene und dankbare Kinder. Sie wären aber zugleich völlig abhängig von ihm.

Nun, Jesus geht darauf nicht ein, weil er weiß, dass nur satte Menschen noch keine freien Menschen sind. Deshalb beschwört der Versucher ein zweites Bild herauf und bietet ihm eine zweite Rolle an - nämlich die des „religiösen Showmasters“, der die Massen durch sensationelle Wunderdarbietungen begeistert („… stürz dich da hinab, und lass dich von den Engeln auffangen und unversehrt absetzen!“ - Mt 5,5f). Was bedeutet solche „Show“? Wer seine Auserwählung durch Gott so demonstrieren kann, der braucht eigentlich keinen Glauben. Die Leute würden ihm ganz von selbst zuströmen. Jesus aber, der viel zu groß von Gott und seinen Mitmenschen denkt, ist sich bewusst, dass der Weg, auf dem die Menschen zum Heil finden, nichts von einer „Wunderschau“ an sich hat. So sagt er auch zu dieser Vision sein entschiedenes Nein. Diese Ablehnung des „Wunderglaubens“ begegnet uns übrigens immer wieder im Evangelium. Der „echte“ Glaube bedarf eigentlich keiner Wunder. Dass sie dennoch geschehen können, ist so etwas wie ein Zugeständnis Gottes an unsere harten Herzen…

Da zaubert der Satan ein drittes Bild vor Jesu inneres Auge: Das der „Macht“ („… verschreib dich mir, dem Dämon aller Macht, und alle Reiche der Welt gehören dir!“- Mt 5,8f). Auch das eine klare Versuchung: Im jüdischen Volk gab es Vorstellungen von einem Messias-König, der die einstige politische Größe Israels wieder herstellen würde. Vielleicht wäre die Zeit jetzt reif, um ein von Gott getragenes Großreich zu begründen, dem sich alle Völker anschließen würden. Aber Jesus lehnt wieder ab: Sein Königtum ist anders und „sein Reich ist nicht von dieser Welt“ (vgl. Joh 18,36). Die Vermischung von Religion und weltlicher Macht ist, wie die Geschichte lehrt, ein Irrtum und nichts anderes als eine fatale Form von Diktatur.

Jesus vollbringt sein prophetisches Werk in Gehorsam gegenüber Gott, um „die Gerechtigkeit ganz zu erfüllen“, und überlässt alles andere in Gelassenheit der Führung Gottes. So wird er auch den Weg nach Jerusalem in den Kreuzestod gehen mit keiner anderen „Macht“ als mit der Hoffnung und dem Glauben, dass Gott ihn aus dem Tod erretten wird. Das und nichts anderes ist der Weg des Glaubens und der Liebe. Keine falschen Versprechungen, keine Show und keine Macht. Nur die helfende Hand, das Wort und die Tat, die Ohnmacht der Liebe. Das ist der Weg Jesu. So hat sich Jesus den Blick auf Gott und seine Sendung nicht verstellen lassen. Gott ist ganz anders in seiner Liebe.

Ich möchte noch einmal an meine Überlegungen in der Predigt vom 1. Fastensonntag 2023 anknüpfen. Dort zitierte ich einige Verse aus dem „Stundebuch“ des Dichters Rainer Maria Rilke, wo er einen alten Mönch mahnend sagen lässt:

 

Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen, (...).

Wir holen aus den alten Farbenschalen

die gleichen Striche und die gleichen Strahlen, (...).

 

Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;

so dass schon tausend Mauern um dich stehn.

Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,
sooft dich unsre Herzen offen sehn.

 

Wir müssen versuchen, die Versuchungen des Herrn nicht irgendwie „frömmelnd“ zu sehen. Sie liegen auf einer Ebene mit dem, was wir oft genug auch selbst erfahren, wenn wir sensibel genug sind. So wie Jesus sich als Mensch ganz klar für seinen Weg entscheidet, der schwerer ist als der vom Versucher vorgeschlagene, der aber Gott Raum lässt, so sind auch wir aufgefordert zuerst nach dem Willen Gottes zu schauen für unsere Wege des Glaubens. Und das im Bewusstsein, dass Gott uns für diesen Weg alles gibt, was wir zur Bewältigung brauchen. Auf diesem Weg gibt es keine billige und effektheischende Wunscherfüllung. Auf ihm gibt es nur Wahrheit; jene unbequeme Wahrheit, die allein frei macht, wie es das Johannesevangelium sagt (vgl. Joh 8,32). Die Wahrheit der hingebenden und schenkenden Liebe Gottes.

Der Weg Jesu ist auch unser Weg. Gebe Gott, dass wir uns in dieser österlichen Bußzeit dieses Weges wieder neu bewusst werden.

Seien Sie gesegnet und behütet auf dem Weg des Glaubens.                        

Ihr P. Guido

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