13.02.2026

Nichts anderes als Leitlinien

Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis von P. Guido Dupont O.Cist

Predigt zum 6. Sonntag im Jahreskreis – A – Sir 15,15-20; 1 Kor 2,6-10 u. Mt 5,17-37 (Kurzf.)

 

In den Geschichten der Chassidim – der Gerechten – die der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878 – 1965) aus dem Schatz des religiösen Lebens im Judentum der frühen Neuzeit gesammelt und aufgeschrieben hat, findet sich folgende kleine Geschichte:

„Rabbi Pinchas und seine Schüler pflegten, wenn von bösen und feindlich gesinnten Menschen die Rede war – nach einem Rat des Baalschem – zu sagen: Wenn du siehst, dass einer dich hasst und dir Leid zufügt, sollst du dich stark machen und ihn mehr lieben als zuvor. Dadurch allein kannst du ihn zur Umkehr bringen. Denn die Gesamtheit Israels ist ein Wagen für die Heiligkeit. Ist Liebe und Einigkeit zwischen ihnen, dann ruht die Schechina – die Gottesgegenwart – und alle Heiligkeit über ihnen. Ist aber, was Gott verhüte, eine Spaltung, dann wird ein Riss und eine offene Stelle, dann musst du, wenn dein Bruder sich in seiner Seele von dir entfernt, ihm näherkommen als zuvor, um den Riss auszufüllen.“

(Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S.233)

Wie sagt es Jesus: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, dann werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20). Das trifft es auf den Punkt: Es geht in den Weisungen der Bergpredigt nicht nur um „Gesetzesgerechtigkeit“, die sich darin erschöpft, dem Buchstaben des Gesetzes Genüge zu tun und alle Gebote Gottes erschöpfend abzuarbeiten. In der kleinen Geschichte von Rabbi Pinchas war von der „Schechina“ – der Gottesgegenwart – die Rede. Es ist im Grunde diese Gegenwart des Allerheiligsten, die Jesus durch seine Worte sichtbar machen will. Er will den Menschen die Augen und das Herz für die Nähe Gottes öffnen. Dort wo der Geist der Einigkeit, in Liebe und Barmherzigkeit gelebt wird, dort wird greifbar, was Jesus mit diesem „Reich oder der Herrschaft Gottes“ meint, dort ist Gottes Geist, ist er selbst lebendig anwesend.

Dabei sind die Vorgaben, die Gottes Weisungen – sein Gesetz – seine Gebote – zeigen, nichts anderes als Leitlinien oder Leitplanken, die den tieferen Sinn dieser Weisungen erschließen wollen. In „Entgegensetzungen“ wird von Jesus mit seinen Worten „Ich aber sage euch…“ nach den Worten des Matthäus der wahre Wille Gottes eröffnet. Das Gesetz, das Mose am Sinai von Gott empfing und dem Volk als Bundesgrundlage weitergegeben hat, wird in seinem innersten Sinn erläutert und neu deutlich gemacht: Für Jesus ist schon dort diese Weisung Gottes verlassen, wo ein Mitmensch gegen das Gebot der Liebe durch eine Äußerung oder ein Wort verletzt wird. Das ist eine radikale Auslegung des göttlichen Gesetzes im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Auslegung geht bis in die Wurzeltiefe (radikal) der Beziehung zum Mitmenschen und zu Gott. Man könnte meinen, Jesus würde in seiner Auslegung des göttlichen Gesetzes überzeichnen. Diese „Überzeichnung“ ist wie ein Stilmittel: Es geht ihm um die absolute Ernsthaftigkeit seiner Absicht: Wer im Gottesreich leben will, der muss Gott selbst immer ähnlicher werden! Auch wer nur mit Worten oder Gedanken dem anderen Schaden zufügt oder ihn gar tötet, schließt sich selbst aus vom ewigen Leben, denn Gott selbst ist das Leben. Nur jener, der mit den Mitmenschen versöhnt ist, ist fähig, Gott wirklich zu begegnen, denn die Liebe und Nähe, die Gott schenkt ist Vergebung und Versöhnung. Gefordert ist immer und zuerst die Liebe, auch wenn man im Recht ist oder Ungerechtigkeit erfahren hat.

Nur unter diesem Aspekt der Stärkung und Hervorhebung der Liebe als Kern der Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen können wir die Schärfe der Auslegungen Jesu verstehen. So müssen wir sie auch als Hilfe für uns und unser Gewissen nutzen. Jesus möchte die bloße Gesetzesgerechtigkeit des pharisäischen Denkens, die an sich ja nicht falsch ist, überwinden und für alle, die ihm nachfolgen auch übersteigen. Die „bloße Gesetzesgerechtigkeit“ befolgt den Buchstaben des Gesetzes und ist eine Gefahr dafür, dass sie den Charakter des Glaubens als Beziehungsglaube zerstört. So dürfen wir das Wort Jesu verstehen, wenn er sagt: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, dann werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20). Paulus hat das auch so verstanden: „Es ist immer der bloße Buchstabe, der tötet; der Geist aber macht lebendig“ (vgl. 2 Kor 3,6).

Die Worte zur Ehescheidung, zum Schwören und auch zur Verführung durch falsche Leidenschaften, sind auf diesem Hintergrund verständlich und geben gute Leitlinien zu einem unverfälschten christlichen Leben für die Gemeinde und die einzelnen vor.

Schauen wir noch einmal auf die rabbinische Geschichte des Anfangs.

Durch manche Anstöße geben diese Geschichten dem Leben und Glauben für uns wie für unsere jüdischen Geschwister die rechten Impulse. Die Gesamtheit des Gottesvolkes, Juden wir auch Christen, haben die Aufgabe, die Heiligkeit Gottes durch ihr Leben sichtbar zu machen und so mitzutun an der Vollendung der Schöpfung. Genau das wollen auch die Weisungen der Bergpredigt, wie sie der Evangelist Matthäus von Jesus her weitergibt, auch sein: Hilfen, durch das Leben in der Nachfolge Jesu, die Welt zu Gott hinzubewegen.

 

Seien Sie gesegnet und in der Liebe Gottes behütet!                               

Ihr P. Guido

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