30.01.2026
Nicht als billige Vertröstung
Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis – A – Zef 2,3; 3,12-13; 1 Kor 1,26-31 u. Mt 5,1-12a
Wenn ich die Evangelien betrachte und überlege, was sie als Botschaft oder Impuls vermitteln, dann denke ich nicht nur an die Wissenschaft der Theologie, an die Exegese und Schriftauslegung, sondern auch immer an Aussagen aus der Literatur, an Gedichte, Romane oder Erzählungen, die vielleicht zum Verständnis helfen können. Bei den Seligpreisungen der Bergpredigt – wir hörten sie eben – geht es nicht vordergründig um eine Gruppe von Menschen, die in einem bloß wirtschaftlichen oder sozialen Zusammenhang angesprochen sind. Mit den Seligpreisungen spricht Jesus den ganzen Menschen an, der sich in seiner konkreten Lebenssituation Gott ganz anvertraut und verwandeln lässt, ihn damit HEIL und SELIG macht. Was das bedeutet, fand ich in dem Roman „Hiob“ des Schriftstellers Joseph Roth (1894-1939) treffend ins Wort gebracht. Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie des Dorfschullehrers Mendel Singer. Sie wird – dem biblischen Hiob ähnlich – von einer Kette von Schicksalsschlägen heimgesucht. Das vierte Kind, der Sohn Menuchim, ist schwer entwicklungsgestört. Seine Beine bleiben gekrümmt, er kann nur unverständliche Laute hervorbringen. In ihrer Not nimmt die Mutter das kranke Kind und reist voller Verzweiflung mit ihm zu einem Rabbi, der als Mann Gottes gilt. Ihm begegnet sie:
„Jemand machte die Türe auf. Der Rabbi stand am Fenster, er kehrte ihr den Rücken, ein schwarzer schmaler Strich. Plötzlich wandte er sich um. Sie blieb an der Schwelle, auf beiden Armen bot sie ihren Sohn dar, wie man ein Opfer darbringt. Sie erhaschte einen Schimmer von dem bleichen Angesicht des Mannes, das eins zu sein schien mit seinem Bart. Sie hatte sich vorgenommen, in die Augen des Heiligen zu sehen, um sich zu überzeugen, dass wirklich in ihnen die mächtige Güte lebe. Aber nun, so wie sie hier stand, lag ein See von Tränen vor ihrem Blick, und sie sah den Mann hinter einer weiten Welle aus Wasser und Salz. Er hob die Hand, zwei dürre Finger glaubte sie zu erkennen, Instrumente des Segens. Aber ganz nah hörte sie die Stimme des Rabbi, obwohl er nur flüsterte: „Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden. Hab keine Furcht, und geh nach Haus!“ „Wann, wann, wann wird er gesund werden?“ flüsterte Deborah. „Nach langen Jahren“, sagte der Rabbi, „aber frage mich nicht weiter, ich habe keine Zeit, und ich weiß nichts mehr. Verlass deinen Sohn nicht, auch wenn er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir, er kommt aus dir, wie ein gesundes Kind auch. Nun geh!“ Draußen macht man ihr Platz. Ihre Wangen waren blass, ihre Augen trocken, ihre Lippen leicht geöffnet, als atmeten sie lauter Hoffnung. Gnade im Herzen, kehrte sie heim.“
(Aus: Joseph Roth, Hiob, Roman, Amsterdam 1974 und Köln 2004; S.19f.)
„Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden.“ Das ist beileibe nicht nur Dichtung oder eine falsche Verklärung von Leid. Tatsächlich klingt hier eine Ursehnsucht von uns Menschen und eine tiefe Wahrheit an, dass die dunkelste Erfahrung und auch das größte Leid vielleicht doch einen Sinn hat, dass sich nämlich Schmerz in Weisheit, Leid in Milde und Bitternis in Segen wandeln können und dass wir genau das zutiefst erhoffen und wünschen. Hier wird von einem großen Geheimnis gesprochen, davon, dass selbst das unfassbare Leid eines Menschen, seine körperliche und geistige Beeinträchtigung dann, wenn sie in der sorgenden Liebe von Menschen und in dem, der die Liebe selbst ist, in Gott, angenommen wird, sich in Heil verwandeln kann. Jesus stellt als Menschen- und Gottessohn den ganzen Menschen in die Gottesherrschaft hinein. Ein Charakteristikum dieser Gottesherrschaft ist, dass alles seine Vollendung gefunden hat, das Heil und den Zustand des Himmels. Wer im Reich Gottes ist, ist in Gott. Die genannte Szene des Romans hilft, diesen inneren Zusammenhang der Seligpreisungen besser zu verstehen.
So wird in den Seligpreisungen jenen Heil und Glück in einem unüberbietbaren Sinn zugesagt, die tatsächlich arm und krank sind, mutlos und verzweifelt, barmherzig und demütig und die sich völlig an Gott binden. Nicht als billige Vertröstung, sondern ganz konkret, weil die Zukunft und Zuwendung Gottes, das „Reich der Himmel“ ihnen in Jesus begegnet und in ihm vollendet. Man darf diese Worte niemals von Jesus und seinem Wirken ablösen. Durch das ganze Evangelium, durch das ganze Wirken Jesu zieht sich diese Zusage Gottes, dass er dem Menschen in seinem Menschsein, das heißt eben in seiner Schwachheit – nicht im falschen Machtdünkel und egoistischer Überheblichkeit – sondern eben in seinem „Geschaffen sein“ die ganze Fülle der Vollendung, des Heils schenkt. Die solcherart Angesprochenen werden so auch befähigt, selbst diese Heilszusage durch ihr Handeln aus der Liebe Gottes weiterzutragen. Die Seligpreisungen Jesu sprechen das Heil zu und machen in ihm zu Trägern des Heiles.
Am Ende des Romanabschnitts von Joseph Roth – unmittelbar nach der Begegnung mit dem Rabbi – heißt es: „Gnade im Herzen, kehrte die Frau heim.“
Genau das ist das Ziel der Seligpreisungen: Gnade und Zuversicht in unsere Herzen, in uns und unser Leben hineingeben und damit die Gewissheit, dass es die letzte Wahrheit des Gottesreiches tatsächlich gibt und dass wir dieses Ziel im Glauben erreichen werden.
Seien Sie gesegnet und in Gott behütet!
Ihr P. Guido