20.03.2026
Im Tod ist das Leben
Predigt zum 5. Fastensonntag – A – Ez 37,12b-14; Röm 8,8-11 u. Joh 11,1-45 (Kurzf.)
In der kath. Pfarrkirche in Hachenburg, in der alten Franziskanergruft – die wenigsten wissen von der Existenz dieser Begräbnisstätte –, ist an die Wände ein Fresko gemalt, das einen „Totentanz“ darstellt: Da kann man junge und ältere Franziskanermönche sehen, die von einem Knochenmann zum Tanz gebeten werden als Ankündigung und Aufforderung, vom Leben Abschied zu nehmen und ihm ins Totenreich zu folgen. An diesen „Totentanz“ fühle ich mich bei der Geschichte zur Botschaft des Ezechiel in der heutigen Lesung erinnert. Ähnlich drastisch und greifbar, wie das Barockfresko in der Franziskanergruft schildert der Prophet seine Vision vom neuen Leben, die auf einer riesigen von Gebeinen übersäten Ebene beginnt. Auch hier vollzieht sich eine Art „Totentanz“, diesmal allerdings nicht vom Leben in den Tod, sondern vom Tod ins Leben: „Es geschah ein Rauschen, und da ein Schüttern, die Gebeine rückten zusammen“ – mit Sehnen, Fleisch und Haut werden sie überzogen, und als der Geistesatem in sie fährt, erheben und bewegen sie sich (vgl. Ez 37,1-12).
Uns Heutigen ist eine solche Bildersprache, ob barock oder alttestamentarisch, vermutlich fremd. Die Zusage, Gott hauche den Menschen seinen Geist ein, der sie lebendig macht, bleibt für uns aufgeklärte Zeitgenossen eine frohe, aber doch auch irgendwie abstrakte Botschaft. Was sie bedeutet, können oder wollen sich viele nicht recht vorstellen, und so schweigen wir lieber, denn die Bilder unserer Vorfahren erscheinen uns nur mehr makaber oder schockierend, und andere, unserer Zeit entsprechende, scheinen wir nicht zu haben. Dabei könnten wir es belassen, stünde nicht die Botschaft von Ostern auf dem Prüfstand. Der frühchristliche Theologe Tertullian hat unbedingt recht, wenn er sagt, sie allein, die Auferstehung mache den Inhalt unseres Glaubens aus. Lesungen und Evangelium dieses 5. Fastensonntags rücken deshalb ganz bewusst das Thema Auferstehung in den Mittelpunkt als Glaubens- und Denkanstoß: Was fangen wir mit der Botschaft des verheißenen neuen Lebens an jenseits der Bilder und Erzählungen, hier und jetzt in unserem Leben?
Nun, unsere Vorfahren mit ihren uns befremdlichen Bildern und Vorstellungen hatten den meisten Menschen von heute eines voraus: Sie brauchten sich nicht um die dunkle Seite des Lebens herumdrücken, um Krankheit, Leid, Sterben und Tod. Sie sahen dieser dunklen Seite konkret ins Gesicht. Unsterblichkeit war für diese Menschen die helle Kehrseite der Lebens-Medaille. Sie setzten anders als wir heute in ihrem Weltbild und religiösen Denken auf ein gottgeschenktes neues Leben, in dem Krankheit, Leiden und Tod überwunden werden. Und es war sogar eine Kunst für sie, sich allzeit während des irdischen Lebens so ins Sterben einzuüben. Diese Kunst hatte sogar einen Namen: „ars moriendi“ – die Kunst des Sterbens.
Heute scheinen Menschen mehr und mehr darauf aus, sich in diesem Leben unsterblich zu machen, sei es durch Erfolg, oder einen vermeintlich großen Namen, durch Taten und Hinterlassenschaften, die auch über den Tod hinaus Bestand haben, sei es durch das faktische Leugnen der Bedrohungen des Lebens: Krank werden, leiden müssen, alt sein, das passiert sowieso nur den anderen, meinen manche. Also: Gegen die meisten Gefahren des Lebens gibt es doch Versicherungen. Und weil jeder Kranke, Alte, Behinderte eine solche Einfalt durch seine Existenz in Frage stellt, haben wir ja in unserer Gesellschaft auch oft genug Probleme mit einem vernünftigen Versorgungssystem, damit man den Alten und Kranken und Behinderten wirklich gerecht werden kann. Es wundert nicht, dass in solchem Hier und Jetzt die Botschaft der Auferstehung, die Zusage eines neuen Lebens aus Gott kaum Anklang findet. Wahr scheint vielmehr, dass die einen sich ihr Grab selbst schaufeln, während die anderen meinen, das neue Leben aus eigener Kraft zu erobern, so als gäbe es nur diese selbstgemachte Wirklichkeit und den Himmel auf Erden.
Vor diesem Hintergrund ist es heilsam, sich der schockierenden Weisheit zu stellen: Jedem und jeder von uns steht der Tanz mit dem Tod bevor. Nicht, wer den Tod verdrängt, glaubt an das Leben, sondern: Wer an das Leben glauben will, muss an die Überwindung des Todes glauben. Der Prophet Ezechiel ist in seinen Bildern eindeutig: Nur durch Sterben und Tod hindurch lässt sich der neue Lebensatem des Gottesgeistes empfangen. Die Botschaft der Auferstehung, die uns durch Jesus Christus, den Gottes- und Menschensohn erreicht, sagt das genauso: Im Tod ist das Leben! Dieses Zeugnis ist auch der tiefere Grund dafür ist, warum Jesus im Evangelium seinen Freund Lazarus sterben lässt: Lazarus wird in das Vorläufige zurückgeholt als Zeugnis, denn nur durch den Tod hindurch offenbart sich das Geschenk des neuen und ewigen Lebens aus Gott. Erst ganz unten am Boden, am Grunde des nackten Daseins, werden wir offen für Gottes Geisteswehen, dann, wenn wir all das loslassen müssen, womit wir uns selbst am Leben halten oder uns unsterblich zu machen glauben. Wir müssen zum „toten Punkt“ gelangen, um die Ewigkeit zu kosten.
Dennoch bleibt die Frage nach dem, worum es wirklich geht im Leben, im Sterben und im Leben danach. Einen Hinweis fand ich bei der Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) in ihren „Liedern von einer Insel“. Sie schrieb in einem:
„Wenn einer fortgeht, muss er den Hut / mit den Muscheln, die er sommerüber / gesammelt hat, ins Meer werfen / und fahren mit wehendem Haar, / er muss den Tisch, den er seiner Liebe / deckt, ins Meer stürzen, / er muss den Rest des Weins, / der im Glas blieb, ins Meer schütten, / er muss den Fischen sein Brot geben / und seinen Tropfen Blut ins Meer mischen / er muss sein Messer gut in die Wellen treiben / und seinen Schuh versenken, / Herz, Anker und Kreuz, / und fahren mit wehendem Haar! / Dann wird er wiederkommen. / Wann? / Frag nicht.“
(Ingeborg Bachmann, Lieder von einer Insel, zitiert aus: Wem gehört die Erde - neue religiöse Gedichte, herausg. Paul K. Kurz, Mainz 1984, S.228)
Der Weg des Lebens führt weit, weit hinaus ins Meer der Liebe Gottes. Durch die lebenszerstörende Brandung hindurch wie durch eine dunkle Türe, aber hinaus, weit hinaus in die Weite der Ewigkeit.
Ihnen eine gesegnete Fastenzeit und bleibt behütet!
Ihr P. Guido