06.03.2026
"Fasten" bedeutet "sich festmachen"
Predigt zum 3. Fastensonntag – A – Ex 17,3-7; Röm 5,1-2.5-8 u. Joh 4,5-42 (Kurzfass.)
Keine Frage! In der Fastenzeit geht es entscheidend darum, den Blick auf Ostern zu richten und den eigenen Glauben an Gottes Liebe zu vertiefen und ihn auch neu zu verankern. Denken wir daran: Das Wort „FASTEN“ kommt aus dem althochdeutschen und meint ursprünglich „sich festmachen“, also sich am und im Ursprung verankern.
Natürlich wissen wir, dass die Fähigkeit zu Glauben und der Glaube an Gottes Liebe selbst ein Geschenk ist, ein Geschenk seiner Liebe zu uns. Ich denke an ein Wort der französischen Mystikerin Madeleine Delbrél, die einmal sagte: „Jesus hat uns nicht dazu verpflichtet, die Menschen zu „bekehren“, sie zum Glauben zu bringen, das hat er sich selbst vorbehalten.“ Genau dafür ist das Evangelium, das wir heute nach dem Evangelisten Johannes hörten, ein besonderes Beispiel, denn wir lernen, wie wir uns in IHM festmachen können.
Schauen wir noch einmal auf das Geschehen, wie es das Evangelium uns schildert.
Jesus begegnet dieser Frau in seiner ganzen Menschlichkeit: Er ist erschöpft vom anstrengenden Wandern. Er ruht in der Mittagshitze aus und ist durstig. Und so beginnt er mit der eben dieser Frau, die zum Wasserschöpfen kommt, ein Gespräch. Es beginnt bei alltäglichen Erfordernissen von Brunnen und Krug. Aber darunter verbirgt sich eine bedeutungsvolle Tiefenschicht. Das anfangs banale Gespräch über die Hitze des Mittags, die Müdigkeit des Pilgers, den Durst des Wanderers und die tägliche Mühsal des Wasserholens vertieft sich mit jedem Gesprächsgang. Es sind drei Stufen zu erkennen: Es wird zuerst zu einem religiösen Gespräch („über Gott und die Welt“), dann zu einem Seelsorgegespräch („über dich und dein Leben“) und schließlich zu einer Selbstoffenbarung Jesu („Ich bin es“), die zum persönlichen Bekenntnis einlädt.
Die Frau am Jakobsbrunnen hat den Glauben der Väter gelernt und beruft sich auf ihr Glaubenswissen: „Ich weiß, dass der Messias kommt. Wenn er dann kommt, wird er uns alles verkünden“ (Joh 4,23). Sie ist davon überzeugt, dass das Gelernte für sie genügt. Aber ihre Überzeugung ist wage. Die Frau will sich nicht festlegen: Das hat doch alles noch Zeit, später einmal, wenn er kommt... Auch für viele Christen ist es nicht anders: Wenn das mit Gott so ist… Wenn es ein Leben nach dem Tode gibt… Wenn überhaupt…
Jesus verlegt seiner Gesprächspartnerin den Fluchtweg. Er hält sie fest auf den Augenblick ihrer Begegnung: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht“ (Joh 4,24). Du kannst nicht ausweichen. Hier ist der Ort, jetzt ist die Zeit, Gott zu begegnen und ihn zu verehren. Eben nicht irgendwo auf einem Berg oder in Jerusalem, also weit weg von deinem Leben. Nicht nur an bestimmten Orten wie der Kirche beispielsweise, nein, jetzt und hier sind der Ort und die Zeit. Und dass ist dabei die Botschaft für die Frau am Jakobsbrunnen wie auch für uns: Glaube an Gottes Nähe, Glaube als Ausdruck der lebendigen Beziehung zu Gott fordert den „wachen Augenblick“. Es gibt, das wissen wir, immer wieder Momente und Situationen, wo wir die Empfindung und die Wahrnehmung haben, dass wir mit Gott in Verbindung sind, wenn wir uns ihm und seiner Nähe öffnen. Das kann bei einem Gottesdienst sein, oder bei einem Gespräch mit einem anderen Menschen, beim beruflichen Wirken, dort, wo man seinen Gedanken nachhängt, beim Musikhören, wenn man jemand anderem zur Seite steht, oder wo auch immer… Dann muss man die Situation und den Augenblick wach annehmen und mit ihm in Kontakt treten. Dann müssen wir ihm zu verstehen geben und vielleicht auch einfach sagen, dass wir ihn wahrnehmen, dass wir seine Nähe spüren: „Danke, dass Du da bist! – Sprich zu mir, sage mir, was ich tun kann!“
Das ist wie immer bei solchen Gaben: Um ihren Wert und ihre Bedeutung zu entdecken, muss man sie wirklich annehmen und wie ein Geschenk auspacken, benutzen und sie so in sein Leben hineinholen. Erst jetzt erkennt man den Schatz! Den eigenen Glauben zu vertiefen, das ist also ein sehr dynamischer Findungsweg, eine Art Entwicklungsprozess. Manchmal muss man dazu sogar in die Untiefen von Schuld und Versagen hinabsteigen und den eigenen Lebensweg kritisch betrachten und sich mit mancher Unbill versöhnen oder auch versöhnen lassen. Aber es ist eine lohnende Betrachtung, ein fruchtbarer Weg, weil er – und das ist unser Plus als Christen – im Wissen um die Nähe Gottes geschehen kann. Und dieser Weg endet nicht einfach so: Ebenso wichtig ist – auch das lehrt das Evangelium –, dass dieser persönliche Weg der Glaubensfindung nicht in individuellen und persönlichen Befindlichkeiten oder Gefühlen steckenbleiben darf. Er muss weiterführen. Die Frau wird zur Missionarin, zur Hinweisgeberin auf Jesus. Viele ihrer Nachbarn kommen zum Glauben. Sie finden den Weg zu Jesus und damit entdecken sie selbst den Gegenpol des eigenen Glaubens: Jesus und in ihm Gott. Die schon erwähnte Madeleine Delbrél sagte einmal sinngemäß: „Das einzige Zeugnis, das Jesus unserem Leben abverlangt, ist das Zeugnis unserer Liebe zueinander. Das ist das Beispiel seiner Lehre, das wir zu erbringen haben, er selbst ist es, indem wir ihn in unserem Leben darstellen.“
Wie sagen es die Menschen um die Samariterin: „Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben ihn selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt“ (Joh 4,42). Nutzen wir also diese Zeit der Vorbereitung auf Ostern, diese Gnadenzeit, zur neuen Begegnung mit dem Herrn. In der Taufe und in der in der Gemeinschaft des Glaubens wurden und werden uns das Geschenk des Glaubens übergeben. Es wird Zeit, dieses Geschenk wirklich auszupacken. Lassen wir Jesus in unser Leben hinein, damit sich auch uns die Quelle lebendigen Wassers erschließt und wir so teilhaben am Leben, das Gott schenkt. Ja, es ist Zeit, sich für unser Leben am Herrn „festzumachen“, damit der Weg des Lebens gelingen kann und er uns „bekehre“ auf dem Weg zum Vater.
Ich wünsche weiterhin eine gesegnete Fastenzeit und bleibt behütet!
Ihr P. Guido