16.01.2026
Damit wir erkennen können
Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis – A – Jes 49,3.5-6; 1 Kor 1,1-3 u. Joh 1,29-34
Nach der Weihnachtszeit sind wir liturgisch wieder in der Zeit im Jahreskreis angekommen. Obwohl wir uns nach der Leseordnung im Matthäusjahr (LJ A) befinden, begegnet uns an diesem 2. Sonntag im Jahreskreis der Evangelist Johannes. Wenn wir genauer auf den Inhalt des so vorgegebenen Evangeliums schauen, wird auch schnell deutlich, welchen Impuls die für die Leseordnung Verantwortlichen mit diesem Text geben wollen. Im heutigen Textabschnitt wird in Anlehnung an die Botschaft des Festes der Taufe des Herrn (vgl. das Evangelium des letzten Sonntags in Mt 3,13-12) programmatisch die Gestalt Jesu und der Auftrag zur Taufe mit dem Geist Gottes benannt. So werden gewissermaßen der Hauptdarsteller und seine besondere Gabe vorgestellt. Spannend und gleichzeitig aufschlussreich ist es nun, wie diese Präsentation erfolgt.
Es ist Johannes der Täufer, der uns Jesus präsentiert. Zweimal sagt er, er habe den, den er vorstellen soll, nicht gekannt. Das ist auffällig. Dabei sind die Beiden sich doch schon im Zusammentreffen der beiden Mütter, Elisabeth und Maria begegnet. Sie sind verwandt miteinander und es ist uns durch Lukas gesagt worden, dass der Geist Gottes den ungeborenen Johannes im Leib seiner Mutter bei der Begegnung mit dem ungeborenen Jesus hüpfen ließ (vgl. Lk 1,39-56). Natürlich dürfen wir nicht einfach die verschiedenen Aussagen der Evangelien vermengen. Sie haben als Glaubensgeschichten unterschiedliche Ansätze, sind zu verschiedenen Zeiten entstanden und jedes Evangelium steht so für sich. Es geht in dem „Erkennen“, das der Täufer hier meint, um die bewusste und klare Wahrnehmung der Person Jesu, die ihm, wie er selbst sagt, bei der Begegnung am Jordan und der Taufe Jesu durch Gottes Fügung mitgeteilt wurde. Johannes spricht also nicht von einer vagen Ahnung, sondern von deutlicher Erkenntnis. Johannes der Täufer ist deshalb der erste öffentliche Zeuge für Jesus. Das entspricht auch seinem Auftrag und deshalb sagt er: „Ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit ER Israel offenbart wird“ (Joh 1,31b). Gleichzeitig macht er aber mit dem, wie er sein Zeugnis vorträgt noch etwas deutlich: Auch wenn wir nicht direkt erkennen, wenn wir nicht den vollen Durchblick haben, so ist Gottes Heil doch in unserer Mitte. Der liebende und sorgende Gott ist DA, und wir sollten uns die Sensorik offenhalten, sollten sensibel sein, damit wir erkennen können.
Der Täufer Johannes ist also der Augen- und Ohrenöffner, um Jesus zu begegnen. Dazu werden nun drei Dinge benannt, die wir in der Ausgestaltung der Aussage und in der Art der Vorstellung die besondere Handschrift des Evangelisten Johannes tragen:
- „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Joh 1,29).
- „Auf wen der Geist Gottes herabkommt und auf dem er bleibt, der tauft mit Heiligem Geist“ (vgl. Joh 1,33) und
- „dieser ist der Sohn Gottes“ (Joh 1,34).
Die Rede vom „Lamm Gottes“ bedeutet in der Glaubenstradition Israels immer das Lamm als Schlachtopfer für Gott: Das, was einem am wertvollsten und unschuldigsten ist, gibt man ihm, den man ehrfürchtet und liebt, denn er befreit von der Unterdrückung (vgl. Ex 12,4 = das Pascha-Opfer). Jesus Christus, der Gottes- und Menschensohn ist das Lamm, ist der Unschuldige, der sich selbst als Brücke herschenkt, um die Trennung von Gott, die Sünde, völlig zu überwinden. So wird Jesus Opfer-Lamm für die Menschen, die sich von Gott abgewandt haben. Es ist der Evangelist Johannes der in seinem Evangelium die Todesstunde Jesu genau auf den Zeitpunkt verortet, zu dem im Tempel die Lämmer zum Paschafest, dem Fest der Befreiung aus Ägypten geopfert wurden (vgl. Joh 19). Er wird die Liebe Gottes, seinen Heiligen Geist, ja sich selbst in der Eucharistie mit den Menschen teilen und so die Erkenntnis der Nähe und Liebe Gottes zeigen, vorleben und in seiner Person ihnen schenken, damit die Menschen zu Söhnen und Töchtern Gottes werden können und auch werden. Das ist ihm möglich, weil er das fleischgewordene Wort Gottes, weil er Gottes Sohn ist und damit Gott selbst, der sich öffnet für sein Geschöpf, den Menschen. Wäre er nicht Gott selbst, könnte er den Menschen nicht in seine Göttlichkeit hineinnehmen.
Andreas Knapp, Priester und Dichter, bringt dieses „Erkennen“, das der Täufer Johannes nach den Worten des Evangelisten Johannes im heutigen Evangelium anstößt, in einem kleinen Gedicht wunderbar ins Wort:
taufe
pränatale diagnose
zeigt von anfang an
die erbliche belastung
verstrahlt durch
die überdosis schuld
der ganzen menschheit
mit letalen folgen
taufe aber
heilwasser
aus gutem Grund
die altlasten werden bereinigt
alle angst abgewaschen
du wirst in vertrauen gebadet
gegen den tod geimpft
im wasserzeichen des lebens
(Andreas Knapp, Höher als der Himmel, Göttliche Gedichte, Echter Verlag, 3/2015, S.51)
Es ist Jesus, der Gottes- und Menschensohn, der unsere Altlasten entsorgt, unsere Angst abwäscht und uns in das Vertrauen Gottes hineinholt, denn er legt uns die Fülle des Lebens in die Hände und ans Herz, indem er sich uns schenkt.
Seien Sie in seiner Liebe gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido