23.01.2026
Da steckt Gott drin
Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis – A – Jes 8,23b-9,3; 1 Kor 1,10-13.17 u. Mt 4,12-23
Von einem Wohnungswechsel erzählt heute das Evangelium. Da hieß es: „Er verließ Nazareth, um in Kafárnaum zu wohnen, das am See liegt“ (Mt 4,13). Im Einflussgebiet der Königs Herodes Antipas am Jordan war Jesus gewesen. Dort hatte er sich von Johannes taufen lassen. Herodes hatte Johannes wegen seiner Kritik an seiner Eheschließung mit der Frau seines Bruders verhaften lassen, was wohl auch der Grund dafür war, dass Jesus, nachdem er einige Zeit in der Wüste verbracht hatte (vgl. Mt 4,1-11), von dort aus nach Galiläa in die Gegend Nazareths und um den See Genezareth ging. Es ist charakteristisch für den Evangelisten Matthäus, dass der hier, bezogen auf eine Gegend, in der neben der jüdischen Bevölkerung auch viele Nichtjuden lebten, den Propheten Jesaja zitiert mit dem Wort des „hellen Lichtes, das all jenen aufleuchtet, die wegen ihrer Entfernung zu Gott in Dunkelheit sind“. Zudem wird vom Evangelisten die Berufung der ersten Jünger vorbereitet (vgl. 4,18-22), von denen wir wissen, dass Simon Petrus mit seiner Familie in Kafárnaum wohnte (vgl. Mt 8,14-15 = Heilung der Schwiegermutter des Petrus).
Mit diesem Ortswechsel und der kurzen Beschreibung des Geschehens ist aufgezeigt, worum es im Fortgang der Geschichte Jesu geht. Er beginnt sein öffentliches Wirken, seine Verkündigung der Nähe Gottes und des Gottesreiches nicht in Jerusalem, nicht dort, wo der Tempel ist und sich die Religion um den Tempel verdichtet, sondern am Rand der Gesellschaft und bei den einfachen Leuten, den Leuten vom Land und mitten in ihrem Lebensalltag.
Was, so möchte ich fragen, kennzeichnet diese Menschen. Nun, es sind Menschen der Praxis und des Alltags, Menschen, die nicht im Dunstkreis der Geschäfte um den Tempel ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, Menschen, die vielmehr in den Strukturen der Landwirtschaft, des Fischfangs und des Handwerks oder als kleine Händler schauen mussten, wie sie sich und ihre Familien ernähren konnten. Es sind Menschen, die wohl wenig Zeit oder gar keine fanden, sich nur intellektuell mit religösen oder politischen Fragen zu beschäftigen.
Aus ihren Reihen beruft er auch die ersten Jünger, hier, unter diesen Menschen „wohnt“ er, hier ist Alltag.
Alltäglich verläuft ja auch der Großteil der uns von Gott geschenkten Lebenszeit. Das ist nicht nur Enge, Leere oder Routine. Da steckt mehr drin. Jesus will in Kafárnaum und unter den Menschen in Galiläa dieses normale Alltagsleben führen. Er wurde uns gleich bis hinein in den Tod, natürlich, aber zunächst und vor allem wurde er uns gleich bis in das Allernormalste unseres Alltagstrotts hinein. So hat es in den langen Jahren der Kindheit in Nazareth begonnen und jetzt geht es weiter. Jesus, der Gottes- und Menschensohn will uns auch von dieser Seite kennenlernen: das Tagtägliche, wo alles seinen festen Platz und seine vertrauten Abläufe hat. Die Zeit ohne Ausnahmezustand, in der nichts passiert, wo wir alle ziemlich unspektakulär unseren Mann, unsere Frau zu stehen haben, wo uns niemand Beifall klatscht, wo wir nichts Großes erleben, keine Abenteuer bestehen müssen. Gleichzeitig aber will er diesen Alltag verändern, verwandeln. Die tägliche Pflicht; die Art und Weise, wie man Kontakte pflegt auch anstrengende widerspenstige Beziehungen, die kleinen Abenteuer gleich um die Ecke, die es zu bestehen gilt; Rituale, die jeden Tag genau gleich wiederkehren und mit Geistesgegenwart erfüllt werden wollen. Die alltäglichen Dinge, all das, was nicht der Rede wert ist, werden nämlich dadurch, dass Jesus sie mit uns teilt und in sie hinein wirkt, doch „gottvoll“, weil gerade hier die immer gleichbleibende Pflicht besteht, Mensch unter Menschen zu sein, zu werden und zu bleiben.
Hier im Alltag des Lebens wächst „Berufung“: Da steckt Gott drin. Gerade, weil Jesus durch sein Leben den Alltag so annimmt, macht er ihn zu etwas Besonderem. Er macht ihn zum Zeichen. Er heiligt ihn.
(Nur als Nebenbemerkung: Genau deshalb konnte im 16. Jahrhundert die große heilige Theresa von Avila ihren Mitschwestern sagen: Der liebe Gott wohnt auch in den Kochtöpfen!)
Warum also wird das so erzählt? Vielleicht, weil Jesus gerade da gesucht und gefunden werden will, im Alltag des Lebens in der Tagtäglichkeit unseres Alltags. Gottes Herrlichkeit blitzt dort auf, wo man es am allerwenigsten erwartet. So geht er auch an uns vorbei, die wir – wie die Jünger beim Fischen – mitten im Alltag des Lebens sind. Und von ihnen hören wir, dass Jesus sie ruft: Den Simon Petrus, den Andreas, die Brüder Jakobus und Johannes… (Mt 4,18-22).
Dass sie Jesus auf seinen Ruf sofort folgen, überrascht vielleicht, gibt uns aber auch den Impuls für unser Leben, den Moment, indem Gott uns ruft und einen Auftrag mitteilt wahrzunehmen und ja nicht zu verpassen. Entscheidend auch für den eigenen Glaubensweg ist, dass wir uns persönlich angesprochen sehen. Für den einen oder die andere mag das heißen: In die engere Nachfolge Jesu, in den Dienst der Verkündigung der Gottesherrschaft oder auch in den Dienst der Liebe zu gehen. Für wieder andere, zu schauen, wo die eigenen Gaben und Fähigkeiten im Dienst Gottes, in der Familie, in der Gesellschaft, in der Kirche gefragt und auch notwendig, weil sie einmalig sind.
Nur wenn wir die Worte des Evangeliums, die Botschaft Jesu so hautnah in unserem Alltag wahrnehmen, nur dann werden wir auch spüren und begreifen, dass sie wirklich etwas mit unserem Leben zu tun haben. Und wir werden verstehen: Auch in unserem Leben steckt Gott drin; denn Gott braucht Menschen, Dich und Mich, und andere, um heute seine Liebe in den Alltag dieser Welt zu tragen, damit Gottes Heil wachsen kann.
Seien Sie in der Liebe Gottes gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido