02.01.2026

Der Weg Gottes zum Menschen

Predigt zum zweiten Sonntag nach Weihnachten von P. Guido Dupont O.Cist

Jeder, der von Gott reden will und darf, spürt es: Es ist eigentlich unmöglich, die Menschwer­dung Gottes adäquat ins Wort zu bringen. So ist es kein Wunder, dass die Bibel die Geburt Jesu mehrfach schildert (vgl. z.B. Gal 4,4; Mt 2,2; Lk 2,1-14).

Der Evangelist Johannes geht anders mit dem Thema um. Was er zu sagen hat, das ist von ihm wie der Anfang der Schöpfungsgeschichte im ersten Buch der Bibel im Buch Genesis ausge-formt und so beginnt er seine Betrachtung zur Menschwerdung wie ein großes Lied vor der Schöpfung der Welt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott … Alles ist durch das Wort geworden.“ Wir hören so die Schöpfungsgeschichte innerlich mit: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Erde aber war wüst und leer und der Geist Gottes war über dem Chaos…“ (Gen 1,1f…) bis hin zur Erschaffung des Menschen. Johannes, der symbolisch mit einem Adler dargestellt wird, schwingt sich meditativ in die Lüfte und schildert aus höchster Perspektive das große Ereignis der Menschwerdung Gottes, die Fortsetzung seines Wirkens: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (V 9).

Es ist das neue Licht Gottes, das jetzt die ganze Schöpfung durchstrahlt. Da beginnt etwas ganz Neues! Johannes verdeutlich: Gott stellt sich in diesem Neuansatz seiner Schöpfung mit äußerster Konsequenz. „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (V 14). „Fleisch geworden“, das ist greifbarer und begreifbarer als die Formulierung „das Wort ist Mensch geworden“. Fleisch ist Ausdruck für das irdisch Gebundene, für das Vergängliche, für das Hilflose, ja für die Nichtigkeit menschlicher Existenz. Bei den Griechen und Römern nahmen die Götter gelegentlich Menschengestalt an, manchmal zum Zeitvertreib, manchmal für ein Liebes-abenteuer mit einem Menschen. Was in Jesus geschieht, ist völlig anders. Gott bleibt nicht außerhalb seiner Schöpfung. Er wird selbst in Jesus Teil von ihr. Das war in den ersten Jahrhunderten des Christentums auch die große Frage: Kann es sein, dass Gott selbst Teil seiner Schöpfung wird? Was bedeutet so die „Fleischwerdung Gottes“?

Gott nimmt in Jesus nicht einfach Menschengestalt an und verschwindet wieder wie die griechischen Götter, wenn es schwierig oder langweilig wird, sondern er wird Mensch mit all den Grenzen des Menschseins. Spirituelles, also Geistliches und Biologisches verbinden sich auf einzigartige Weise, wie es im Großen Glaubensbekenntnis der Kirche heißt: „Wir glauben an den einen … Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott von wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Die großen Religionen beschreiben Wege der Menschen zu Gott, das Christentum allerdings ist auch der Weg Gottes zum Menschen.

Jesus wird nicht zum Zeitvertreib Mensch. Die Menschwerdung Gottes in Jesus ist blutiger Ernst. Das zeigt sich nicht erst bei der Kreuzigung. Das klingt schon in den Worten des Johannesevangeliums an: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (V 10). Deshalb nennt Johannes auch Konsequenzen für uns Menschen. Deshalb dichtet er mit dem Prolog seines Evangeliums ein Lied der Neuschöpfung.

Eine erste Konsequenz steckt im ersten Satz: „Im Anfang war das Wort“ (V 1). Wie oft haben wir das schon selbst erlebt, beglückend oder schmerzhaft, was aus einem Wort werden kann. Wenn wir Menschen behutsam mit den eigenen Worten umgehen und die Worte anderer wirklich hören und beherzigen, dann geschieht unglaublich viel Begegnung und Bereicherung. Auch Gottesbegegnung, denn wahre Begegnung mit Gott geschieht niemals an unserer menschlichen Natur vorbei, sondern gerade dadurch, dass wir unsere menschlichen Fähig-keiten nutzen und kultivieren.

„Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“ (V 14) – das hat Folgen! Wie oft tun wir Christen so, als ob wir von Jesus nichts wüssten, weil wir genau spüren, dass dies Konsequenzen hat: „Das ist die wahre Beschreibung eines Christen: Einer, der Ausschau hält nach Christus – nicht nach Gewinn, Auszeichnung, Macht, Vergnügen oder Nutzen, sondern Ausschau nach dem Erlöser, dem Herrn Jesus Christus“!  Das ist ein Wort des Hl. Kardinals John Henry Newman.

Glauben heißt demnach nicht: keine Glaubenszweifel haben oder tun, was die Kirche und der Katechismus sagen. Glauben heißt, das Lied des Evangelisten mitsingen und so gezielt und regelmäßig auf Jesus schauen, auf Gottes Wort der Liebe, und versuchen, von ihm den Weg zu lernen, der in die Vollendung führt, so eben, wie man ein Lied singt und es weiterklingen lässt: Ganz konkret mit dem ganzen Leib, mit der eigenen Menschlichkeit und mit dem Takt Jesu und im Gleichklang mit ihm.

Hören wir nochmal das Wort des Hl. John Henry Newmann: „Christ ist einer, der Ausschau hält nach dem Erlöser, dem Herrn Jesus Christus.“ Und ich möchte ergänzen: Christ ist jemand, der einstimmt in das große Lied der Liebe Gottes. Das heißt:

Gott wirklich nahe zu kommen
besteht nicht darin,
viel zu wissen,
viel zu betrachten
oder viel zu denken.
Das große Geheimnis
des Erkennens Gottes ist:
viel zu lieben.

Ihnen Gottes reichen Segen und bleibt behütet!                                       

Ihr P. Guido

Pater Guido Dupont OCist

Kooperator

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