Von Gott her und auf IHN hin

Predigt zum Jahreswechsel vom P. Guido Dupont O.Cist

Von Ernest Hemingway stammt der berühmte Roman „Der alte Mann und das Meer“. Lassen Sie mich kurz von diesem Roman erzählen: Der alte Fischer Santiago fährt 84 Tage mit seinem kleinen Fischer­boot hinaus auf das weite Meer. Aber: Tag für Tag umsonst! Kein einziger Fisch geht ihm ins Netz. Doch der Alte gibt nicht auf. Seine Au­gen sind jung geblieben und voller Tatendrang. „Man darf nicht aufgeben“, sagt er sich jeden Tag neu. Genau am 85. Tag fängt er tatsächlich den größten Fisch seines Lebens. Er kann ihn allerdings nicht in sein Boot holen, weil er so groß ist. Auf der nächtlichen Heimfahrt passiert es: Haifische über­fallen sein Boot und fressen seinen großen Fisch bis aufs Gerippe auf. Gelassen reagiert Santiago: „Man kann vernichtet werden, aber aufgeben darf man nicht.“ So hatte er Immer wieder während der 85 Tage auf See gedacht: „Du hast kein Glück mehr. Aber wer weiß, vielleicht ja heute; denn jeder Tag ist ein neuer Tag.“

Eine wahrhaft optimistische Lebenseinstellung! Meinen Sie nicht auch? Nun, He­mingway selbst hat zuletzt dann doch aufgegeben. Am 2. Juli 1961 erschoss er sich zum Ent­setzen seiner Lesergemeinde. Der Schriftsteller war wohl doch im Letzten und was die Zukunft betrifft, nicht so optimistisch. Als Mensch begnügte er sich mit dem Vorletzten. Das bedeutet im Endeffekt, dass er, um es vorsichtig zu sagen, wohl nicht über Begrenzungen hinweg gedacht hat oder denken konnte und wollte. Seine sogenannte optimistische Lebenseinstellung bezog sich nur auf die Gegenwart. Er dachte wohl: Gestern ist sowieso vorbei und die Zukunft… Man wird sehen.

Genügt es, einfach zu leben? In den Tag hineinzuleben und Spaß zu haben oder wie man sagt „fun“ als einziges Ziel, als einzigen Sinn? Genügt es wirklich, nur dafür zu leben?

Zum Jahreswechsel scheint der kritische Blick auf das erlebte und gelebte Leben sicher sinnvoll. Schauen wir doch auf die Tage des vergangenen Jahres. Keine Angst, das hier wird keiner der gewohnten Jahresrückblicke. Vielleicht helfen einige Fragen an jeden von uns persönlich, die ich für mich formuliere: Hat mich das, was ich erlebte, was ich tat, näher zu meinen Wünschen und Zielen gebracht? Habe ich meinen Leib und all die Dinge, die ich nutze, als mir anvertraute Gaben betrachtet? Habe ich mit meinen Mitmenschen, mit denen, die mir geschenkt und anvertraut sind, in Frieden, in der Sorge füreinander und in Wohlwollen gelebt? Wie bin ich mit denen umgegangen, mit denen ich mich nicht verstanden habe, mich nicht verstehe, mit denen ich im Zerwürfnis bin? Wie kam und kommt Gott in meinem Leben und Erleben vor? Haben die Dinge und Geschehnisse der kleinen und großen Welt mich zweifeln lassen an Gottes Sorge und Liebe für seine Schöpfung und seine Geschöpfe? Es sind nur wenige Fragen, die es aber in sich haben! Man spürt: So betrachtet, gibt es sicher viele Fragen zur Standortbestimmung des eigenen Lebens, des Lebens als Einzelner, wie auch in Ehe und Partnerschaft oder Freundschaft, in Bezug auf die kleine und die große Mit- und Umwelt. Allerdings wird man nur vorläufige Antworten finden, wenn wir auf diese Weise danach fragen, wofür und woraufhin wir leben.

Nun, Weihnachten ist eine Woche her. In der Liturgie wird uns heute noch einmal das tiefste Geheimnis der Weihnacht gesagt: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des ein­zigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Da ist der, den wir Gott nennen, der den wir Menschen nicht fassen, nicht greifen können. Und er ist in Je­sus ein schwacher, zerbrechlicher, sterblicher Mensch geworden und hat un­ser menschliches Leben geteilt. Er ist das lebendige Angesicht Gottes, das Abbild, wie es das Johannesevangelium formuliert: Wer IHN sieht, sieht den Vater. So zeigt er über sich selbst hinaus. In diesem Menschen Jesus ist die ganze Herrlichkeit Gottes, seine Unendlichkeit und gleichzeitig seine Nähe aufgeleuchtet. Im Blick auf diesen Jesus dürfen wir laut­hals sagen: So und nicht anders ist Gott und so und nicht anders ist die Bestimmung des Menschen. Denn der Mensch ist von seiner Bestimmung her mehr als nur das JETZT und die begrenzte Zeit. Der Mensch, ja, wir alle sind dazu geschaffen über uns hinaus und über unsere begrenzte Zeit hinaus in die Ewigkeit Gottes zu finden und zeigen.

Ähnlich dem Evangelium besingt auch der Verfasser des Galaterbriefes das Geheimnis Jesu. ER holt das Wirken Gottes in die Zeit hinein und verknüpft es mit unserer Befreiung. Zugleich preist der Apostel den Reichtum unserer Berufung als Menschen und Söhne und damit Kinder Gottes und lässt uns erahnen, was es heißt, nicht im Vorletzten stecken zu bleiben, sondern aus dem Ewig-Gültigen zu leben, um daraus Sinn und Ziel für unser Leben zu empfangen.

Der heilige Augustinus nannte es so: Gott wurde Mensch, damit der Mensch göttlich werde. Das heißt doch: Mensch mache es wie Gott und werde Mensch wie er. Mensch werden, wie es Jesus war und wie er sein Menschsein gelebt hat.

Größeres kann über unsere Berufung als Christen nicht mehr gesagt werden. Wie könn­ten wir uns da mit dem Vorletztem zufriedengeben?

Leben? Ja! Aber nicht nur in der Begrenztheit des kurzen irdischen JETZT, sondern in der Fülle, von Gott her und auf ihn hin, wie es Hermann der Lahme (1013-1054), ein behinderter Mönch des Mittelalters von der Reichenaue am Bodensee einmal sagte. Natürlich im HEUTE, natürlich mit FREUDE! Aber auch und gerade im Bewusstsein, dass das Glück und die Freude des JETZT in der Begegnung mit Gott sich in EWIGKEIT wandeln.

Es braucht die Tiefensicht der Herzaugen also das umfassende Erkennen, das um die Geborgenheit der Nähe Gottes weiß; es braucht das kindliche Vertrauen und die liebende Zugewandtheit zu Gott und zum Nächsten, um wirklich in Fülle zu leben. Nicht nur im Vorletzten.

Ich erbitte uns allen für das Neue Jahr 2026 den Segen des ewigen und liebenden Gottes!       

Ihr P. Guido

Pater Guido Dupont OCist

Kooperator

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