24.12.2025
Gott lässt uns nicht allein!
Predigt zum Weihnachtsfest – A – Jes 9,1-6; Tit 2,11-14 u. Lk 2,1-14 (In der Hl. Nacht)
Sie kennen sicher die Geschichten des Schriftstellers Michael Ende (1929 – 1995), der zu den erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautoren gehört: Geschichten wie „Momo“, oder die „Unendliche Geschichte“, oder die Geschichten von „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“. In der zuletzt genannten Geschichte erzählt er von einem Riesen und seinem Geheimnis. Als Lukas und Jim Knopf den Riesen am Horizont sehen, erschrecken sie furchtbar wegen seiner Größe und wollen weglaufen. „Bitte, lauft nicht fort“, bettelt der Riese und während er näherkommt, wird er immer kleiner und kleiner, und als er dann neben ihnen steht, hat er die Größe eines normalen Menschen. Die beiden schauen ihn verblüfft an. Der Riese erklärt ihnen: „Jeder Mensch hat ein Geheimnis, so auch ich. Jeder andere, der sich entfernt, wird zum Horizont hin immer kleiner. Bei mir ist es umgekehrt, ich werde immer größer.“ Und er fährt fort: „Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.“
Dieses Wort sagt etwas über das Geschehen an Weihnachten. Der unendliche und nicht fassbare Gott, kommt auf uns zu, kommt in unser Leben, unser Leiden und unsere zeitliche Enge, in unser Sorgen und Empfinden, indem er Mensch wird. Mensch, nicht als Verkleidung des Göttlichen oder als schauspielerische Maskierung. Er ist Mensch geworden in der Armseligkeit eines liebesbedürftigen und verletzlichen Wesens, eines kleinen neugeborenen Kindes. Dabei ist er absolut kein „Scheinriese“, wie man Herrn „Tur Tur“ in der Geschichte Michael Ende’s genannt hat; denn Gott ist keine Märchenfigur. Aus Fleisch und Blut wird er Mensch, einer wie wir, wie Du und Ich.
„Je weiter ich entfernt bin, desto größer sehe ich aus. Und je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.“ Was wir an verschiedenen Stellen der Heiligen Schriften lesen, ist wahr: Nicht die unnennbaren Mächte und Gewalten der Höhen oder der Tiefen sind es, denen wir ausgeliefert sind. Es ist Gott in der Gestalt des Menschenkindes, der um unsere Liebe bittet, damit wir in seiner Liebe das wirkliche Leben finden, oder anders und wie ich meine, deutlicher gesagt: Wer in diesem Menschenkind Gott findet, der findet das Menschsein in seiner ganzen Fülle neu!
Die Hirten erfahren das als Erste. Sie erfahren sich als Menschen am Rande der Gesellschaft, als Arme und Abhängige, in ihrem Menschsein akzeptiert und angenommen, dadurch, dass ihnen Gott selbst in diesem Kind ganz nahekommt. Die Schöpfung, dargestellt durch den Stall oder die Hirtenhöhle und in der Tradition durch Ochs und Esel, und sie stehen für jene, die arbeiten und die man für dumm hält, auch sie erfahren sich im menschgewordenen Gott, in ihrem Sein aufgewertet und angenommen. Und jene erfahren es auch, die wirklich und uneigennützige Suchende sind. Sie entdecken das Menschsein ebenso, denn für sie stehen, wie uns Matthäus erzählt, die Weisen oder Magier oder echte Könige.
Gott, der Unendliche und nicht Fassbare, er wird in Jesus aus Maria geboren, Mensch unter Menschen, einer von uns. In Frankreich, in der Provence stellt man, wie ich vor einiger Zeit las, neben die üblichen Krippenfiguren, das sind auch alle Berufsgruppen, die es dort gibt, eine Figur, die ganz dem Geschehen zugewandt, mit offenen Augen schauend, vorgebeugt und wie gebannt, ergriffen, manchmal die Arme hochgerissen, mit offenem Mund dasteht, so als wolle sie sagen: „Es ist unglaublich, was ich da sehe!“ Das ist die entscheidende Botschaft des weihnachtlichen Geschehens, dem wir im Grunde nur mit offenem Mund staunend begegnen können. Der Staunende an der Krippe, der wir selbst sein können, lehrt uns, dass Gott in die Wirklichkeit unserer Welt kommt. Damals in Jesus und bis heute und immer durch sein Wort und durch Menschen, die ihm folgen, kommt er und ist bei uns. Gott lässt uns und unsere Welt nicht allein. Er ist nicht der Gott, der irgendwann einmal die Schöpfung angestoßen hat und sie dann sich selbst überließ! Gott wird Mensch. Das bedeutet: Unsere Geschichte wird und ist seine Geschichte. Das ist das Atemberaubende, Staunenswerte, dass Gott selbst in Jesus wirklich in diese Welt mit ihren Fakten, ihrem Unrecht, ihrem Leid und ihren Tränen kommt: Genau das macht Mut zum Leben – und erfüllt uns mit Hoffnung. Nochmal: Nicht unnennbaren Mächten der Höhe oder Tiefe oder auch – wie es der Materialismus unserer Tage propagiert – der kalten menschlichen Wissenschaft oder der Gewalt der Kriege und des Terrors und der Machtgeilheit und Angst der Despoten und Diktatoren sind wir ausgeliefert. Unser Gott begegnet uns im staunenswerten und wunderbaren Anfang eines Menschenkindes. Und er geht mit uns durch das Leben, durch die Tage, Stunden und Jahre unseres Lebens. Wenn wir darüber staunen können, dann lässt Gott sich finden auf diesen unseren Wegen, in unseren menschlichen Freuden und Hoffnungen, in den Nöten und Ängsten. Er ist uns nahe. –
Immer, wenn wir Gottesdienst feiern, wird uns in der Liturgie als Gruß zugerufen: „Der Herr sei mit euch!“ Und wir antworten: „Und mit deinem Geiste!“ Das ist ein alter liturgischer Gruß, der leider viel zu abgehoben und missverständlich klingt und den auch viele nicht mehr verstehen. In der Antwort „und mit deinem Geiste“ verbirgt sich allerdings, was beispielsweise in der portugiesischen Sprache viel deutlicher klingt: „Ele esta no meio de nos!“ und das bedeutet: „Er ist in unserer Mitte!“ – „Immanuel“ – so nennt der Engel im Traum des Josef den Namen des Messias, der dem Neugeborenen zufällt – „Gott mit uns!“.
Der von den Nationalsozialisten ermordete P. Alfred Delp SJ (1907-1945) hat es einmal so in einer Weihnachtsansprache formuliert: „Lasst uns dem Leben trauen, weil diese Nacht das Licht bringen musste. Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt." Wir können nur staunend, mit offenem Mund und mit offenem Herzen solcher Zuwendung und Liebe begegnen. Tragen wir diese Haltung des Staunens und der Dankbarkeit von Weihnachten her in die Tage unserer Welt und Gesellschaft. Und wir begreifen hoffentlich und nachhaltig, dass all das, was den Menschen entmenschlicht, Gewalt, Hass und Unfriede, Missbrauch und Verfolgung, Gier und Lüge, und all die Spiegelfechterei des Gegeneinanders, absurd und völlig falsch sind! Neigen wir uns staunend und demütig vor der Liebe Gottes, den wir im Kind in der Krippe wahrhaft erkennen können!
Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest und den Segen des Christkindes!
Ihr P. Guido