19.12.2025
Das Ja des Glaubens
Predigt zum 4. Advent – A – Jes 7,10-14; Röm 1,1-7 u. Mt 1,18-24
Während der Evangelist Lukas uns in seinem Evangelium die Gottesmutter Maria in ihrem JA des Glaubens in der Verkündigungsszene mit dem Engel Gabriel vor Augen hält, ist es im Lesejahr des Evangelisten Matthäus Josef, der Verlobte Mariens, der uns zuerst begegnet. Wie ein guter Dramatiker formt der Evangelist mit Hilfe des prophetischen Wortes des Jesaja (vgl. Jes 7,14) einen visionären Raum im Traum des Josef, der die Verheißungen Gottes in ihrer Erfüllung sichtbar werden lässt. Ich denke, so können wir es wirklich sagen, denn es war ja niemand bei dieser Traumvision außer dem Betroffenen selbst dabei. Und da es eine „Glaubensgeschichte“ ist, müssen wir danach fragen, was uns als den Zuhörern und Lesern des Evangeliums aus ihr als Glaubensimpuls vermittelt werden soll.
Josef träumt. Das kennen wir auch. Wenn es etwas gibt, das uns sehr beschäftigt, im Positiven wie auch aus negativen Anlässen, dann nehmen wir es mit in die weniger bewusste Phase unseres Lebens, in das Unterbewusstsein der Träume. So können in der Verarbeitung des alltäglichen Geschehens im Traum manche Dinge neu aufscheinen und vielleicht auch zu einer Lösung kommen. Zumindest sagt die Traumforschung, dass es so sei.
Josef träumt. Nun, seine Verlobte ist schwanger. Offensichtlich liebt Josef Maria. „Er war gerecht“, heißt es bei Matthäus (Mt 1,19), er will Maria nicht bloßstellen, denn alle würden ja vermuten, dass sie noch vor der Hochzeit zusammengekommen wären. Gar nicht davon zu reden, ob das Kind von einem anderen sein könnte. Ein Gottesbote, ein Engel, spricht im Traum zu Josef. – Aber es ist schon eine seltsame „Lösung“, die bei diesem Traum des Josef herauskommt. So würden wir es bei Licht betrachtet vermuten. Aber Josef genügt offensichtlich die Aussage des Engels, dass seine Verlobte ihm nicht untreu war. Er begreift: Dieses Kind ist eine Zukunft, ist ein Kind allein von Gott gewollt: „durch das Wirken des Heiligen Geistes“ (Mt 1,20).
Jetzt müssen wir genau hinschauen und hinhören, was da formuliert wird, um selbst auf die Spur des Begreifens zu kommen. „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht“, so spricht ihn der Engel an (Mt 1,20b). Natürlich weiß Josef, dass er aus der Familie des Königs David stammt. Aber das Leben dieses großen Israeliten ist 28 Generationen her. Doch genau das ist die Brücke des Verstehens für Josef: Was ihm geschieht, hat mit dem zu tun, was mit dem Friedenskönig David verknüpft ist. Was ihm geschieht, hängt zusammen mit den Prophezeiungen, die der Prophet Jesaja vom Reich dieses Königs David gemacht hat. Da hieß es doch bei Jesaja: Wenn einst jener sagenhafte Nachkomme Davids kommt, dann wird „der Wolf beim Lamm Schutz finden und der Panther beim Böcklein liegen" (vgl. Jes 11, 6) – und nicht der eine den anderen ins Visier seiner Raketen oder Kanonen nehmen; „dann wird das Kind ungestraft seine Hand in die Höhle der Schlange strecken“ – und nicht den Hass der Alten oder von aufgebrühten Vorurteile verrückter Fanatiker lernen und die zweifelhafte Kunst zu zerstören und Krieg zu führen. Davids Reich des Friedens ist eine jener großen Visionen, von denen die Menschen lange geträumt haben und immer noch träumen. Bis heute ist die Idee eines irdischen Paradieses in unserer Welt. Auch heute noch werden solche Träume und ihre Verwirklichung gemessen an den Worten, die der Prophet Jesaja für das Reich Davids gefunden hat. Wir selbst sprechen und träumen ja auch von einer besseren Welt, nach der wir uns sehnen. Und sie ist inspiriert vom Reich Davids und den mit ihm verknüpften biblischen Verheißungen eines Jesaja. Der Evangelist Matthäus, das ist sein Ansatz der Verkündigung, nimmt uns immer wieder mit auf diese Brücke des Begreifens und der Verheißungen. Und ein Blick in die Geschichte nicht nur der Kirche, sondern der ganzen Menschheit sagt es ebenso deutlich, welche großartigen Werke der Nächstenliebe von diesen Träumen und Visionen verschiedenster Menschen motiviert worden sind! Wir Menschen können offensichtlich ohne solche Träume und Visionen nicht sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Mann wie Pastor Martin Luther King wusste natürlich, dass sein Traum von einer heilen Welt nicht in einer Generation wahr werden würde. Aber er wusste auch, dass man einmal anfangen muss zu träumen. Diese Träume und Visionen muss jeder haben, der mithelfen will, mehr Gerechtigkeit und Frieden in der kleinen und großen Welt zu schaffen!
Josef träumt. Da sind Namen. „Jesus“ – „Gott rettet/erlöst“ – „Immanuel“ – „Gott mit uns“ (vgl. Mt 1,21 u. 1,23). Diese Namen konkretisieren die Träume und Visionen und erzählen wahre Geschichten: Sie erinnern an Erfahrungen der Nähe und Hilfe Gottes, Erfahrungen nicht nur einzelner, sondern vieler, Erfahrungen, die als einzelne Momente die Wegstrecken vieler geprägt haben. Geschichten, die davon sprechen, wie Gott für sein Volk erfahrbar war und ist, und immer neu gefunden werden kann. Viele haben ihre Erfahrungen mit Gott und seiner Nähe erzählt, gesammelt und aufgeschrieben in den Büchern, die wir als Bibel und dann auch als Evangelium, „Frohe Botschaft“ kennen. Alles Tun und Handeln Gottes war stets Grund zur Dankbarkeit, aber zugleich Anlass, weiter zu träumen von einer endgültigen Rettung, einem ewigen Ort des Heils. Also von einem Land, aus dem man nicht mehr vertrieben wird oder fliehen muss. Wenn also nun der Engel im Traum den Namen „Jesus“ ausspricht, sagt er auch zu Josef: „Jahwe – Gott rettet“ und holt damit die Rettung des Volkes Israel aus Ägypten ins Bewusstsein und der Name Immanuel sagt, dass dieser helfende Gott mit uns ist. Die Rettung ist nahe. Gott selbst kommt in Jesus. In diesem Kind Mariens empfangen vom Heiligen Geist.
Und Josef glaubt und handelt. Er akzeptiert Gottes Tun. Er nimmt seine Frau zu sich.
So spricht Josef sein großartiges JA des Glaubens.
Für uns bedeutet das: Wir sind eingeladen, den Traum, die Vision, den Glauben des Josef zu teilen, damit auch in unseren Tagen wirklich Weihnachten werden kann.
Seien Sie gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido