Predigt zum 4. Fastensonntag – C – Jos 5,9a.10-12; 2 Kor 5,17-21 u. Lk 15, 1-3.11-32
Längst wissen wir, wie diese Geschichte ausgeht, die vom sogenannten „verlorenen Sohn“ oder wie man besser sagen sollte „vom barmherzigen Vater“. Wir kennen die Personen dieser Geschichte: Der jüngere Sohn, der sein Erbteil fordert und dann verschwendet, der ältere Sohn, der immer seine Pflichten im Vaterhaus wahrnimmt, aber sich dennoch zurückgesetzt fühlt, und dann der Vater, bemüht, das Hauswesen zusammenzuhalten, zugewandt und geduldig, gütig und voller Liebe. Seien wir ehrlich! Erwarten wir von dieser Geschichte, die ja nur der Evangelist Lukas in seinem Evangelium überliefert, etwas Neues und Bemerkenswertes zu erfahren? Allzu sehr glauben wir doch, das Gehörte zu kennen. Was ist hier der besondere Blickwinkel des Evangelisten auf Jesus und seine Botschaft?
Vielleicht ist es hilfreich, den Schluss der Erzählung einmal umzuformen und anders zu betrachten. Stellen wir uns vor, die Geschichte würde folgendermaßen enden:
„…Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Aber er wollte ihm eine heilsame Lehre erteilen, und so verbarg er seine Gefühle und sagte mit strenger Miene: Ich wusste, dass es so kommen würde. Aber wer nicht hören will, muss fühlen. Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder. Er ist draußen auf dem Feld und arbeitet, wie er es all die Jahre getan hat. Nie hat er gegen meine Befehle gehandelt und nicht ein einziges Mal hat er von mir auch nur einen Ziegenbock verlangt, um mit seinen Freunden ein Gelage zu halten. Du aber hast alles durchgebracht, was ich dir von meinem Vermögen mitgab ... Da sagte der Sohn: Vater, ich habe gegen Gott im Himmel und gegen dich gesündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Da sprach der Vater zu ihm: Deine Reue kommt zwar etwas spät und hilft jetzt auch nicht mehr viel, aber ich will dir eine Chance geben. Du kannst als Tagelöhner für mich arbeiten und versuchen, den Schaden, den du angerichtet hast, wieder gut zu machen. Am Abend ließ der Vater demonstrativ das Mastkalb schlachten und zu Ehren des älteren Bruders ein Fest feiern. Denn der war niemals verloren gegangen und hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen.“
Kann die Geschichte so enden? Dieser Schluss wirkt befremdlich. Warum fragen wir? Jesus erzählt diese Geschichte, um deutlich zu machen, wie sein himmlischer Vater, also Gott selbst, uns Menschen begegnet. „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,16b), so steht es im 1. Johannesbrief. Es geht also in diesem Gleichnis darum, wie Jesus den liebenden Gott uns Menschen nahebringen will. Er will seine innerste Beziehung zum Vater sichtbar machen, um uns so einen Anstoß zu geben, wie wir selbst lernen können, die Liebe Gottes zu sehen und zu leben.
Ist das, was da im nacherzählten Schluss des Gleichnisses sichtbar wird, echte Liebe? Ich finde: NEIN! Hier wird die Liebe als eine Art pädagogisches Werkzeug benutzt, um den älteren wie auch den jüngeren Sohn zu beeinflussen und sie so „auf Linie zu bringen“. Die Liebe Gottes, von der Jesus kündet, ist anders. Um sie wenigstens ansatzweise zu begreifen, müssen wir auf einige Details des Originalgleichnisses schauen. Dabei ist es entscheidend, wie der Vater in der Geschichte charakterisiert wird.
Der jüngere Sohn will selbständig über sein Leben bestimmen und so nach seinem Verständnis frei sein. Der Vater öffnet ihm diese Freiheit, indem er ihm sein Erbteil gibt. Auf Gott bezogen bedeutet das: Gottes Liebe schenkt Selbständigkeit und Freiheit. Es liegt tatsächlich in unseren Händen, wie wir unser Leben formen und gestalten. Wir selbst haben dafür die nötigen Gaben und die volle Verantwortung. Der jesuanische Blick auf den Vater sagt uns dazu auch, dass der Vater – also Gott – uns dennoch im Herzen begleitet und uns wahrnimmt und nicht aus den Augen verliert und, dass er bei einem möglichen Scheitern mit uns leidet, hieß es doch: „Der Vater sah ihn von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm“ (Lk 15,20). Ja, mehr noch, er kommt uns wie dem Verlorenen entgegen und setzt ohne Vorbedingungen wieder in die Sohnschaft ein (vgl. Lk 15,22). Die Liebe verwandelt die gescheiterte Suche nach Selbstbestimmung und vorgeblicher Freiheit – das charakterisiert die beschriebene „Verlorenheit“ – in der neuen Begegnung von Vater und Sohn zum Leben mit Zukunft! Hier leuchtet das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu auf, der in der hingebenden Liebe das Scheitern und die Todesverfallenheit des Menschen überwindet und denen, die ihm anhangen die Fülle des Lebens schenkt.
Dem sich zurückgesetzt fühlenden älteren Bruder sagt der Vater: „Dein Bruder war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden“ (Lk 15,32). Vom älteren Sohn erfahren wir ebenso Entscheidendes über die Liebe des Vaters: Gottes Liebe ist ein absolutes Geschenk! Man muss sie sich nicht verdienen. Das Wichtigste an ihr ist innige Gemeinschaft mit Gott, sagt doch der Vater zum älteren Sohn: „Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein“ (Lk 15,31).
Jesus zeigt seinen Gegnern – den Pharisäern und Schriftgelehrten – und uns allen den Kern seiner Botschaft vom nahen Gott und seiner Zuwendung zum Menschen. Gottes Liebe ist mitleidende und absolute Öffnung seines Innersten, um dem Geliebten in der Gemeinschaft der Liebe Leben zu ermöglichen. Da ist keine Berechnung und kein wie auch immer gearteter Hintergedanken. Deshalb erzählt Jesus dieses wunderbare Gleichnis.
In Anlehnung an einen Text von Kurt Marti, der diese Sicht auf Gottes Liebe zu uns Menschen verstärkt, möchte ich sagen:
Wenn beim Weltgericht die Bücher aufgetan werden, wenn es sich herausstellen wird, dass sie niemals so geführt wurden: Weder Gedankenprotokolle noch Sündenregister, weder Märtyrerverdienste noch Gemeindetreue wurden registriert.
Wenn die Bücher aufgetan werden und siehe! Auf Seite eins:
„Habt ihr mich für einen Schnüffler gehalten?“
Und siehe auf Seite zwei:
„Der Scharfrichter der Welt – eure Erfindung!“
Und siehe auf Seite drei:
„Nicht eure Sünden waren zu groß – eure Freude über Gottes Liebe war zu klein!“
Wenn die Bücher aufgetan werden, dann werden wir staunen.
(vgl. nach Walter J. Hollenweger „Zu Besuch bei Lukas“, München 1981, S.42)
Seien Sie in der Liebe Gottes gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido