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Warum das Leiden?

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Warum das Leiden?
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© Rudi Grabowski
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Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis (A) Röm 12, 1-2 und Mt 16, 21-27

Es ist eine völlig gegensätzliche Wahrnehmung: Letzten Sonntag hörten wir von Simon Petrus, wie er sein Bekenntnis zu Jesus ausspricht („Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ ...)und Jesus lobt ihn, wegen der von Petrus gesehenen unmittelbaren Verbindung von Jesus mit dem himmlischen Vater (vgl. Mt 16,17). Heute weist Jesus den Petrus mit harschen und scheinbar verletzenden Worten zurück, weil er aus ihm den Versucher sprechen hört. Dabei – und das können wir gut nachfühlen – reagiert Petrus doch nur menschlich auf die Ankündigung des Leidens Jesu. Das wird ihm vom Herrn auch zuge­standen: „Du hast im Sinn, was die Menschen wollen.“ (Vgl. Mt 16, 23c.)

Die Menschen – ja, wir sind gemeint! – wollen nicht, dass gelitten wird. Und von Jesus, in dem die Jünger den gottgesandten Christus erkannt haben, wollen sie schon gar nicht, dass er seinen Weg als Leidensweg ge­hen müsse. Haben sie ihn doch erwartet als den, durch den Gott allem Leid ein Ende setzen wird. Die Botschaft Jesu, dass in ihm Gott sich durchsetzt gegen alle Mächte des Todes einerseits, und die Ankündigung seines Leidens andererseits passen in den Augen der Jünger und auch im Denken vieler Christen bis heute nicht zusammen. Es ist ja zutiefst menschlich, sich gegen das Leid zu wehren. Auch von Jesus wird überliefert, dass er vor dem ihm bevorste­henden Todesweg zurückgeschreckt ist (vgl. Mt 26,42). Vielleicht fällt die Zurückweisung des Petrus darum so harsch aus, weil er eine Versuchung ausspricht, die Jesus selbst nicht fremd war.

Matthäus stellt im Evangelium den Willen Gottes dem Wollen und Trachten der Menschen gegenüber. Das kann so miss­verstanden werden, als wolle Gott das Leiden und den Tod seines Sohnes. Wenn wir uns Gott so vorstellen, dann entsteht in uns aber ein zutiefst zwiespältiges Gottesbild. Da ist der Vater, dem wir nach der Botschaft Jesu alles Gute für uns zutrauen. Und da ist der Vater, der den Sohn, der ganz für ihn da ist, dem Leiden ausliefert. Da stimmt etwas nicht! Und was da nicht stimmt, kommt in den Blick, wenn wir mit der Leidensankün­digung zusammen die Ansage der Auferstehung hören. Gott will – so wird es darin deutlich – doch, dass durch den Weg Jesu in den Tod und in das neue Leben die Macht des Todes gebrochen wird. Gott will nicht das Leid, sondern die Freude; er will nicht den Tod, son­dern das Leben, die Fülle des Lebens. Es sind die Menschen, die seinem Sohn Leid bereiten. Dem Willen Gottes entspricht es, dass der Sohn sich nicht davon abbringen lässt, die Liebe Gottes zu den Menschen absolut und frei trotz aller Widerstände zu leben. Gott will den Sohn als Zeichen seiner bedingungslosen Liebe. Das will er auch dann noch, als die Menschen darauf mit mörderischer Ablehnung antworten. Und er bleibt konsequent dabei! Die Liebe Gottes in aller Konsequenz bis zum Tod macht den Leidensweg Jesu, die ohnmächtige Hinnahme der Ungerechtigkeit im Vertrauen auf Gottes Nähe, zu einem absolut neuen Weg zwischen Mensch und Gott und damit für uns zu einer Quelle neuen Lebens.

 

Jesus lehrt uns, zum Vater zu rufen: „Dein Wille geschehe!“Oft verstehen wir diesen Ruf als bloßen Ausdruck der Ergebung in leidvolle Situationen. Das aber ist er nicht, zumindest nicht in erster Linie. Zuerst nimmt die Bitte, dass Gottes Wille geschehe, das Verlangen nach dem Kommen der gu­ten Vaterherrschaft Gottes auf. Gottes Wille bezieht sich auf das in Jesus angebrochene und kommende Reich der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit. Im Gegensatz dazu sehen wir, dass auf unserer Erde vieles geschieht, was nicht dem göttlichen Willen ent­spricht. Dazu gehören Leid und Tod. Menschen lassen an­dere leiden und bringen sie um. Ungezählte werden in un­gerechten Strukturen um ihr Leben betrogen. Das entspricht nicht dem Willen Gottes.

Die Vaterunser-Bitte „Dein Wille geschehe!“können wir als Protestruf verstehen. Sie protestiert ge­gen alles, was Menschen um ihr Leben bringt. Sie ruft da­nach, dass damit Schluss ist und dass Gott sich durchsetzt mit seinem guten Willen. Daran denkt auch Jesus, als er sich angesichts seines Leidens dem Willen des Vaters übergibt. Er stellt sich zur Verfügung, damit sich der Vater durch ihn – und sei es durch Leiden und Sterben – offenbart als der, der heilend und erneuernd das Leben will. Er gibt sich und sein Leben ganz in Gottes Hände. So können Protest und Ergebung zusammenkommen. Wenn wir durch Leid auf unserem Lebensweg hindurchgehen müssen, damit der Wille Got­tes zum Durchbruch kommt, dann kann sich auch bei uns der Protest in Ergebung, in Hingabe verwandeln: Die Ergebung wird im Sinne Jesu zur Hingabe und ent­spricht nur dann dem, was Jesus uns vom Vater zeigt, wenn sie Gott letztlich die Freude und das Leben zutraut.

 

Genau darin liegt auch der Schlüssel zum Verständnis der nachfolgenden Worte des Evangeliums: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“(Mt 16,24). Mit „Selbstverleugnung“ ist nicht ge­meint, dass wir unser Verlangen nach Freude und Leben aufzugeben hätten, wenn wir uns auf den Weg der Nachfolge Jesu machen. „Selbstverleugnung“ oder auch die Worte vom „verlieren“ oder „gewinnen“ des Lebens meinen, dass nicht wir allein uns den Weg ausdenken und bestimmen, auf dem Gott unser Verlangen nach Freude und Leben beantwortet. Das Verlangen nach Freude und Leben findet vielmehr Erfüllung und Befriedigung darin, sich selbst und seine ganze Existenz der Liebe Gottes anzuvertrauen. Das hat nicht nur Petrus erst mühsam lernen müssen.

 

Nicht wir suchen aus, was wir zu tragen haben. Das uns zugemutete Kreuz meint nicht, dass wir Kreuze suchen und sie uns aufladen müssten. Den Weg Jesu als seine Freunde und Freundinnen mitzugehen, bedeutet, dass wir den Weg der Liebe gehen und durchhalten, auch wo er uns in Situa­tionen des Leidens führt. Wir sollen das Leben so lieben, dass wir aus Liebe zum Leben auch leidensfähig werden und sind.

Vor vielen Jahren wurde mir ein kleines unveröffentlichtes Gedicht der erblindeten Künstlerin und Dichterin Ruth Schaumann (1899-1975) geschenkt. Leider habe ich es irgendwann verloren. Aber ein Vers hat sich mir eingebrannt. Da hieß es: „Das Leben lohnt sich Leiden, um Lieben ohne Ziel…“

Das Evangelium lehrt uns: Es gibt ein Ausweichen vor dem Leiden, das Verrat am Leben wäre. Es nützt niemand, die ganze Welt zu gewinnen, aber das Leben von Gott zu verlieren!

„Das Leben lohnt sich Leiden, um Lieben ohne Ziel…“

 

Seien Sie gesegnet und behütet!                    Ihr P. Guido

 

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