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Mehr als Harry Potter

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© Rudi Grabowski
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Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (A) – Jes 55, 1-3 und Mt 14, 13-21

Seit dem grimmschen Märchen vom „Tischlein-deck-dich“ und den Zauberkünsten eines Harry Potter und anderer literarischen Gestalten könnte man das Evangelium dieses Sonntags unter der Bezeichnung Märchen oder als magische Geschichte zur Seite legen. Und nicht nur Kinder, sondern auch etliche Erwachsene sind sicher in der Versuchung, schnell zu meinen, dass das von Matthäus erzählte eine fantastische Story sein müsse mit dem Schönheitsfehler: Das kann doch nicht wahr sein! Hat uns Matthäus Jesus wirklich als trickreichen Zauberkünstler vorstellen wollen, der - mir nichts, dir nichts - die Naturgesetze aushebelt, um einer großen Menschenmenge Essen zu verschaffen? Es ist schon eine berechtigte Frage, was diese Erzählung des Evangeliums von der Speisung der Fünftausend mit uns zu tun hat und gleichzeitig, das ist auch etwas, was ich als Frage empfinde, ist es eine Art Gewissenserforschung für uns satte Zeitgenossen, welche Botschaft wir zu den Menschen tragen, die heute am Leib und auch an der Seele Hunger leiden. Denn wir stehen ja als Christen in der Nachfolge Jesu wie die Jünger und haben vom Herrn her die Verpflichtung den Armen und Notleidenden zu helfen und seine Sicht der Nähe Gottes weiterzutragen. Letzteres höre ich aus den Worten des Evangeliums direkt heraus, sagt doch Jesus zu den Jüngern, die ihn auf die Situation seiner Zuhörer aufmerksam machen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 14, 16b).

Dieses Wunder der Speisung wird von allen vier Evangelisten berichtet. Das lässt vermuten, dass es eine besondere Bedeutung hat. Machen wir uns auf die Suche nach dieser Besonderheit. Der Zusammenhang der Textüberlieferung ist aufschlussreich. Am Ende des dreizehnten Kapitels bei Matthäus hören wir von der Ablehnung Jesu in seiner Heimatstadt Nazareth (Mt 13, 54-58) und am Beginn des vierzehnten Kapitels (Mt 14, 1-12) erzählt der Evangelist von der Enthauptung des Täufers Johannes. In der Folge der weiteren Erzählung wird deutlich: Jesus braucht etwas Abstand, heißt es doch: „Als Jesus das (von Johannes) hörte, zog er sich allein /…/ in eine einsame Gegend zurück“ (Mt 14, 13a). Die Einsamkeit bleibt ihm verwehrt, denn die Menschen folgen ihm. Er stellt sich ihnen, hat Mitleid und heilt die Kranken. Danach folgt die Erzählung von der Speisung. Die Speisung ist also eingebunden in die Darstellung des heilsamen Wirkens Jesu, in seine Wortverkündigung und in seine Begegnung mit den Menschen. Schauen wir aber auch auf die anderen Personen in dieser Erzählung. Da sind die Jünger. Wie nehmen sie die Situation wahr? Sie haben den ganzen Tag über Jesus und seine Zuwendung und Sorge für die Menschen erlebt. Sie nehmen Teil an der Fürsorge Jesu und überlegen, wie sie sich einbringen können. Ihre Intervention: Es ist spät geworden. Schick die Leute weg, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. Wir haben nicht genug da. Nur fünf Brote und zwei Fische (vgl. Mt 14, 15.17). Die Jünger handeln aus ihrem Verständnis und in ihrem Denkhorizont heraus vernünftig. Wir machten es vielleicht ebenso. Das entscheidende Wort ist von Jesus allerdings wie ein Zwischenruf gesprochen: „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14, 16). Er hat anderes im Sinn. Was nun folgt, mutet an wie eine Lehrstunde: Die Jünger sollen lernen, ihre Begrenztheit im Denken und Handeln zu überwinden. Sie sollen begreifen, dass es gilt, dem wunderbaren Wirken Gottes unter den Menschen alles zuzutrauen. Sie sollen lernen, an das „Unglaubliche“ zu glauben und indem sie ihre kleine Gabe – fünf Brote und zwei Fische – einbringen und mit dieser Gabe sich selbst, sollen sie erfahren, dass die Güte Gottes über alle menschlichen Möglichkeiten und Begrenzungen hinaus bewirkt, was dem Heil der Menschen dient. Es ist unmöglich und sogar absolut unnötig und irrelevant das Wunder der Speisung selbst zu erklären! Das Wunder der Speisung all dieser vielen Menschen aus der kleinen Gabe heraus sprengt die Enge des Blickes und öffnet den Horizont auf Gott und sein Wirken hin. Entsprechend wird, was von Jesus her geschieht, dann auch mit sparsamen und unspektakulären Worten geschildert, als solle das Geschehen unmittelbar zum Herzen und zum Verstand vordringen: Dass sich die Menschen auf das Wort Jesu hin um ihn versammeln, sich mit ihm verbinden in seinem Blick zum Himmel hin im Lobpreis Gottes und dass die Jünger die fünf Brote und zwei Fische - ja, sich selbst – in die Hände Jesu geben und wieder von ihm empfangen und teilend weitergeben. Das Wunder: Aus diesem klaren Handeln wird das Wunderbare und Gottgewollte: Alle, Fünftausend Männer und Frauen und Kinder werden satt! Und es bleibt noch übrig…

Schauen wir noch einmal hin: Da ist Jesus. Er hat in Nazareth Ablehnung erfahren. Johannes der Täufer wurde ermordet. Es zieht ihn in die Einsamkeit. Vielleicht will er im Gespräch mit dem Vater, im Gebet, diese Widerwärtigkeiten verarbeiten. Aber die Menschen folgen ihm. Er sieht sie und hat Mitleid und wendet sich ihnen zu. Jesus kennt die Not der Leute, die ihm da begegnen. Er kennt die Sehnsucht nach Leben und Sinnerfüllung, ihr Verlangen nach Heilung, ihren Hunger nach Gerechtigkeit. Indem Jesus seine eigenen Bedürfnisse zurücknimmt und sich der Bedürftigkeit der Menschen öffnet, wird er in seiner Menschlichkeit selbst zu einer Öffnung auf Gott hin und von ihm her: Er ist das Mitleid Gottes selbst. Genau das sollen die Jünger begreifen und lernen: Gott selbst ist der Handelnde. Durch das Mitleid Jesu hindurch, über seinen Lobpreis, von Hand zu Hand, von Gott zu Jesus, zu den Jüngern und zu den Männern, Frauen und Kindern, wird die Not gelindert, geschieht das Wunderbare. Da berühren sich Himmel und Erde!

Die besondere Bedeutung dieser Erzählung besteht genau darin, dass sie das Heilshandeln Gottes so wunderbar sichtbar macht und ein starker Anstoß ist, ebenso zu handeln, weil so Not gelindert und ein Stück Himmel – Gottes Reich – sichtbar werden kann. Gott wählt den Weg über den Menschen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ sagt Jesus. Damals waren es fünf Brote und zwei Fische, die Gaben der Jünger. Gott selbst wirken und handeln zu lassen, absolut offen für ihn und durchlässig werden auf ihn hin, darum geht es. Die Frage an uns: Was sind unsere, deine und meine Gaben, die durch Lobpreis und Weitergabe von Hand zu Hand, der Liebe Gottes den Weg zu den Herzen der Menschen öffnen? Heute sind es unsere Hände, unsere Füße, unsere Worte, unsere Tränen und unser Lachen, unsere Herzen, alles, was zu uns gehört, was wir weitergeben und teilen können – so klein und unbedeutend es auch sein mag –, um seine Liebe, sein Reich sichtbar zu machen. Er allein vollendet.

Seien Sie gesegnet und behütet!                      Ihr P. Guido

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