Predigt zum 5. Fastensonntag – C – Jes 43,16-21; Phil 3,8-14 u. Joh 8,1-11
Da steht sie nun, die Frau. In die Mitte gezerrt. Bloßgestellt. Ja, man hat sie auf frischer Tat ertappt. Ehebruch. Nach dem Gesetz ein todeswürdiges Vergehen (vgl. Lev 20,10 u. Dtn 22,22). Für die Gegner Jesu, Schriftgelehrte und Pharisäer scheint dieser Fall ein willkommener Anlass, Jesus eine Falle zu stellen. Und wie reagiert er? „Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde“ (Joh 8,6b). Haben die Fallensteller erkannt, was da geschah? Hören wir noch einmal hin: „Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde“ (Joh 8,7-8). Sicher war denen jetzt klar geworden, dass Jesus in einer Zeichenhandlung ihnen ein Wort des Propheten Jeremia vor Augen führte. Bei diesem Propheten lesen wir in einem starken Bekenntniswort: „Du Hoffnung Israels, Herr! Alle, die dich verlassen, werden zuschanden. Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den Herrn verlassen, den Quell lebendigen Wassers“ (Jer 17, 13).
Jesus lässt die Ankläger erkennen, dass er ihre Absicht, ihn in eine Falle zu locken, erkannt hat. Ebenso macht er deutlich, dass die offengelegte Sünde und Verfehlung Einsicht und Reue des Sünders und dann Barmherzigkeit braucht. Was Jesus hier macht – und wir dürfen auch annehmen, dass sein Handeln wie eine Blaupause für die Gemeinde der Christen überliefert ist – ist keine laxe Praxis, keine Vergebung zum Nulltarif. Solches Handeln, solche Wahrnehmung der Verfehlung und die Barmherzigkeit sind der einzige Weg, zum Menschen vorzudringen, ihn verstehen zu können, die Situation zu klären, neue Möglichkeiten des Lebens zu eröffnen. Wer will, dass ein sündiger Mensch sich zukünftig wirklich ändert, muss – irgendwann, aber dann wirklich – einen Akt der Barmherzigkeit setzen. Ansonsten bleibt Rechthaberei und ein von Menschlichkeit losgelöstes Gesetzesdenken übrig. Das ist nicht der Weg Jesu und auch nicht der Weg der Liebe Gottes! Und es darf auch nicht der Weg von uns Christen sein!
„...die sich von dir abwenden, werden in den Staub geschrieben.“ Das ist harte prophetische Kritik, nicht nur für die Schriftgelehrten und Pharisäer, sondern für alle, die im Namen Gottes meinen, urteilen und verurteilen zu müssen. Recht verstanden, hilft Jesu Zeichenhandlung und Wort jedem, der ihm auf dem Weg des Glaubens an den barmherzigen Gott nachfolgt. Müsste nicht auch mein und dein Name wegen unserer Sünden und Verfehlungen auf die Erde geschrieben werden? Meist sind es ja nicht die großen Dinge, bei denen man sich verfehlt: Da mag das nachtragende oder hart gesprochene Wort über den Mitmenschen sein; da ist der versäumte Besuch bei jemand, von dem ich weiß, dass er Hilfe und Zuwendung braucht; da ist der schnelle Zorn über den allzu forschen Verkehrsteilnehmer, von dem man sich bedrängt fühlt; da ist das Gerede und Geschwätz, direkt oder auch in unserer Tagen medial im Internet und den sozialen Medien, mit denen man andere mit Schmutz und Hass bewirft; da ist die sogenannte „Notlüge“ gegenüber Menschen, denen man verpflichtet ist… Das alles und noch viel mehr, was unser Inneres, unsere Seele zumüllt und uns, jeden auf eigene Weise, von Gottes Weg entfernt. „Wer von euch ohne Sünde ist“, sagt der Herr.
Ob nicht auch mein oder dein Name im Sand geschrieben steht? Ehrlich, sind wir wirklich frei von Scheinheiligkeit und üblicher Doppelmoral?
Halten wir inne! Es geht nicht um Selbstanklage. Was hier ansteht, ist Ausdruck einer großen Hoffnung. Wer Jesu Handeln und Reden recht versteht, wird gleichfalls zum Empfänger der Botschaft: „Auch ich verurteile dich nicht“ (Joh 8,11). Warum? Weil wir wissen dürfen, dass Jesus wie mit der Ehebrecherin auch mit uns verfahren wird – in vergleichbaren Fällen der Treulosigkeit und bei allem anderen, das schwer als Schuld auf uns lasten mag. Einsicht, Reue und die Bereitschaft zur Umkehr sind Schritte auf dem Weg, den uns die Barmherzigkeit des Herrn eröffnet. Wir dürfen die Schuld loslassen und uns ändern, weil er unsere Schuld getragen hat.
Ein Gedicht von Andreas Knapp:
beichte
was geschehen ist
das bleibt geschehen
so sehr vergangenes vergehen
du auch bereuen magst
du drehst das rad der zeit
selbst mit gewalt und list
nicht einen finger breit
zurück
wenn DU jedoch
mit liebevollem blick
wirst meine hände fassen
und zu mir sagst
alles ist gut
so wird mir weit
und leicht zumut
und selbst das schuldenjoch
kann ich jetzt gut sein lassen
für alle ewigkeit
(Andreas Knapp, Höher als der Himmel – Göttliche Gedichte, Echter Verl., Würzburg, 3/2015, S.52)
Die Frau „in der Mitte“ steht für jeden von uns. Schutzlos, rechtlos. Die einzige Hoffnung ist Jesus. Er findet einen Weg, der weiterleben lässt und Umkehr ermöglicht. Der Höhepunkt dieses Evangeliums stellt so eine große Hoffnung heraus. Die Hoffnung auf die Fülle des Lebens, befreit von Trennendem, befreit von Absonderung, falschem Egoismus und Sünde hin zur Gemeinschaft mit Gott selbst, der die Liebe ist. Jesus sagt es jedem von uns als Ermutigung und Wegweisung: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! (Joh 8,11).
Gesegnete Tage der österlichen Bußzeit und bleibt behütet!
Ihr P. Guido