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Im Heute Gottes leben

Im Heute Gottes leben
Im Heute Gottes leben
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© Pater Guido
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Meditation zum Jahreswechsel 2020-2021 – 1Kön 19,1-8 und Lk 2,16-21

Da steht man am Ende eines vergehenden Jahres, der erste Tag des Neuen beginnt und diesem werden 364 weitere Tage folgen. Und bald schon ist es nicht mehr neu, das neue Jahr, aber jeder einzelne Tag, den wir erleben, wird es sein. Und an jedem einzelnen Tag sind wir, wie Frère Roger Schütz, der Gründer und Prior der Brüdergemeinschaft von Taizé es einmal formulierte, eingeladen, „im Heute Gottes zu leben“.

Im Heute Gottes leben: Wie sehr es gerade darauf ankommt lese ich beim russischen Schriftsteller Dostojewski (1821-1881). Er erzählt in seinem Roman „Die Brüder Karamasoff“ von einem jungen Mann, den eine schwere Krankheit auf sich selbst zurückwirft und zum Nachdenken bringt. In seinem Schicksal findet er einen Weg zu Gott und ist sich sicher, erst jetzt wirklich zum Leben gekommen zu sein. Ihn treibt die Frage um: „Wie haben wir nur so leben und uns kränken können und haben es nicht gewusst?“ Obwohl er noch immer sehr krank ist, beginnt er seinen Tag mit Freude. Wenn der Arzt kommt, scherzt er mit ihm: „Nun, Herr Doktor, werde ich noch einen ganzen Tag auf Erden leben?“ – „Nicht nur einen Tag, noch viele Tage werden Sie erleben“, antwortet der Arzt, „sogar Monate und Jahre werden Sie noch leben.“ – „Wozu denn noch Monate und Jahre!“ ruft er aus. „Wozu die Tage zählen! Dem Menschen genügt ja ein einziger Tag, um das ganze Glück zu erfahren.“ (Vgl. F.M Dostojewski „Die Brüder Karamasoff“, München-Zürich 1980, S.471f.)

Ein einziger Tag genügt, um das ganze Glück zu erfahren. Ein einziger Tag wird zum Gleichnis für das ganze Leben: jeder Morgen eine kleine Geburt, jeder Tag wie ein kleines Leben, jeder Abend wie ein kleiner Tod. Jeder neue Tag, der den Morgen über die Dunkelheit der Nacht triumphieren lässt, lehrt uns zu hoffen, dass auch das Leben über den Tod siegen wird.

Im Heute Gottes leben: Das sagt dazu auch aus, dass Gott uns einlädt, mit dem jeweiligen Heute ein neues Land zu betreten, das noch keines Menschen Fuß berührt hat. Jeder Tag ist etwas Außergewöhnliches, denn ihn gab es noch nicht und es wird ihn auch nie mehr geben, wenn die Sonne am Abend unter den Horizont sinkt. So bringt uns jeder Tag zu Bewusstsein, dass es mehr gibt, als der Mensch anrichten und ausrichten kann: das Einmalige und Unverwechselbare, das Unberechenbare und gnadenhaft sich Schenkende eines jeden Tages.

Im Heute Gottes leben: Nein, wir dürfen jene nicht übersehen, die mit der Morgendämmerung das Grauen vor dem neuen Heute überfällt: Wie wird der Schwerkranke, der um Atem ringende Covid19-Infizierte, der von Schmerzen gequälte Mensch, der Sterbende, wie wird der Verzweifelte, der in Angst vor Krieg und Gewalt Lebende, wie wird der Heimatlose, der Arbeitslose, wie werden jene, die nicht wissen, wie sie sich selbst und die ihnen Anvertrauten ernähren sollen, mit ihren Sorgen fertig? Erschöpfung, Mutlosigkeit und drohende Verzweiflung suchen sie schon am Morgen heim.

Im Heute Gottes leben: Ich denke an den Propheten Elija (vgl. 1Kön 19,1-8). Da gab es diesen dunklen Tag in seinem Leben. Er hat die Bedrängungen seines Lebens satt, geht eine Tagesreise weit in die Wüste hinein und wünscht sich den Tod. Aber gerade in dieser Stunde erfährt er Got­tes Nähe und Hilfe. Er isst das Brot, das ein Engel ihm bringt, und trinkt das Wasser aus dem Krug. Die Szene wiederholt sich: Der Engel des Herrn muss ein zweites Mal kommen und ihn auffordern: Steh auf und iss! Du hast noch einen weiten Weg vor dir. Und jetzt kann er weitergehen, vierzig Tage und vierzig Nächte lang.

Im Heute Gottes leben: Die Ermutigung, die Elija erfährt, ist Gleichnis für alle, denen der Lauf des Tages eher wie ein Weg durch die Wüste erscheint. Wäh­rend Elija noch glaubt, am Ende zu sein, hat Gott ihm schon, noch ehe der Tag zu Ende ist, eine neue Aufgabe zugedacht. Das meint die Symbolzahl 40. Da endet etwas und Neues bereitet sich vor. Während Elija sterben will, bereitet sich das Geheimnis schon vor. Was die kleine Erzählung von Elija sagt, gilt gleichermaßen für je­den. Steh auf und iss! Du hast noch einen weiten Weg vor dir. In­dem er Ausschau hält, was der neue Tag ihm bringen mag, welche Aufgaben auf ihn zukommen, welche Schwierigkeiten zu bewälti­gen und welche Augenblicke, Gutes zu tun, zu nutzen sind, über­gibt der gläubige Mensch am Morgen sein neu erwachtes Leben dem ihn umsorgenden Gott, damit er es in seine Hände nehme und durch den neuen Tag geleite. Wer im Heute Gottes zu leben sucht, der darf darauf vertrauen, dass der treusorgende Gott gibt, was notwendig ist. Ja, jeder einzelne Tag ist mehr als ein Fetzen Zeit, ohne Sinn noch Angesicht. Ein Tag ist ein Weg; er will Rich­tung. Ein Tag ist ein Werk; das fordert klaren Willen. Ein Tag ist ein Lied; das verlangt helles Anheben. Ein Tag ist dein ganzes Leben. Dein Leben ist wie dein Tag!

Im Heute Gottes leben: Jeder neue Tag erlaubt uns einen neuen Anfang, um zu wachsen in der Erkenntnis der vielfältigen, meist unter der Oberfläche ver­borgenen Wunder Gottes, im Tun dessen, was zu tun ist, im Dienst am Nächsten, im tätigen Mitleid mit den Bedrängten. Im Überwinden der Hoffnungslosigkeit. In der Solidarität mit den Mitmenschen. So bringt uns jeder neue Tag unserer Menschwerdung näher. So leben wir im Heute Gottes.

Dietrich Bonhoeffer hat diese Überzeugung in die uns allen wohlbekannten Verse gekleidet:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,

erwarten wir getrost, was kommen mag;

Gott ist mit uns am Abend und am Morgen

und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

(Gotteslob Limburg Nr. 824 - Kehrvers)

 

Bitten wir den Herrn um die große Kraft, jeden Tag zu bestehen, um auf dem großen Weg zu ihm einen kleinen Schritt weiterzukommen.

 

Ich wünsche Ihnen den Mut, im Neuen Jahr im Heute Gottes zu leben, geborgen in seiner Liebe und getragen vom Vertrauen auf seine Nähe und Hilfe! Möge die Gottesmutter Maria uns alle mit ihrem Segen und fürbittenden Gebet begleiten!              Ihr P. Guido

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