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Das Mauerstück der kleinen Leute

Das Mauerstück der kleinen Leute
Das Mauerstück der kleinen Leute
© Bild: Christine Limmer In: Pfarrbriefservice.de
© Rudi Grabowski
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Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis (B) – 1 Kön 17, 10-16 u. Mk 12, 38-44

Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. haben lediglich Teile der Umfassungsmauer im Westen jenes Plateaus überstanden, auf dem der Tempel selbst errichtet war. Herodes der Große hatte diese Westmauer erweitern lassen. Eine alte jüdische Legende erzählt davon, warum gerade dieses Mauerstück erhalten blieb: Es waren wie so oft gerade die „kleinen Leute, die Einfachen“, welche die gewaltigen Steinquader herbeischleppen mussten. So habe sich die „SHESCHINA“ Gottes (von hebr. „schin“, dieses Verb bedeutet: sich niederlassen, wohnen) herabgelassen, um auf diesem Mauerstück der kleinen Leute als thronende Gegenwart des Allmächtigen für immer anwesend zu sein. Ein wunderbares Bild: Gottes unfassbare Nähe ist auf der Seite der „kleinen Leute“!

Aus diesem Kreis der einfachen und kleinen Leute kommt auch unsere arme Witwe, von der das Evangelium heute erzählt. Die Szene hat einen ausgeprägt prophetisch-sozialkritischen Akzent. Sie erinnert z.B. an den Propheten Amos, der achthundert Jahre zuvor im Tempel zu Bet-El (der war nur wenige Kilometer nördlich des Jerusalemer Tempels) die herrschende Oberschicht anklagt, weil sie „den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen“ (vgl. Amos 2,6). Denn der Tempel ist nicht nur ein Heils Ort, sondern auch ein gewinnträchtiges Wirtschaftsunternehmen und ein Finanzplatz vor allem für die etablierte Gelehrten- und Priesterschaft und die Besitzenden. (Vgl. „Tempelreinigung“ Mk 11,15-19 par.)

Hat Jesus sich noch kurz zuvor mit einem Schriftgelehrten über das wichtigste Gebot in einer überaus freundlichen Art unterhalten, so stellt er jetzt die ganze Gruppe dieser „Gelehrten“ – sie vertreten den Anspruch, sie allein wüssten, wie das Wort Gottes auszulegen sei, leben aber nicht danach - an den Pranger. Er greift die frühere prophetische Kritik auf und klagt sie an: Ihr Gehabe, ihr Anspruch, ihr Auftreten, all das steht in krassem Gegensatz zu ihrer aus dem religiösen Wissen erwachsenden sozialen Verpflichtung. Jesus nennt konkretes Fehlverhalten: „Sie fressen (so die neue Einheitsübersetzung von 2016) die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete“ (Mk 12,40). Die kleinen Leute, Witwen, Waisen, Kranke, sie besonders sind ihrer Sorge anvertraut, denn – denken wir an die erwähnte Legende – der Allmächtige ist auf der Seite der „kleinen Leute“. Sagen wir nicht, dass uns das nichts anginge. Papst Franziskus wird nicht müde, genau auf diese innere Verpflichtung der Kirche für die Armen hinzuweisen. Oder denken wir an die Bewegungen der sogenannten Theologie der Befreiung mit ihren Zeuginnen und Zeugen, z.B. einem Bischof Dom Helder Camara oder dem Märtyrerbischof Oskar Romero und unzähligen anderen, die sich für die Gerechtigkeit für die „kleinen Leute“ einsetzten und von den Reichen und Etablierten und ihren Machtstrukturen mundtot gemacht wurden, oder die man einfach umbringt. Das ist der eine Aspekt dieses Evangeliums: Gott ist auf der Seite der „kleinen Leute“. Aber da ist noch etwas anderes.

Da ist diese arme Witwe, die Jesus am Tempeltor beobachtet. Diese Frau wird für ihn zu einem lebendigen Zeichen: Sie wird für Jesus zum „Sakrament“ für das, was er – und damit Gott – im Herzen will. Er sieht, dass diese Frau nicht „etwas“ um der Barmherzigkeit willen in den Opferkasten gibt. Sie gibt alles, was sie für diesen Tag hat.

Wir sind mit Jesus auf dem Weg in die Passion. Jesus selbst steht eben vor dieser Frage: Wie viel werde ich geben in dieser anstehenden letzten großen Auseinandersetzung in Jerusalem? Werde ich für meine Überzeugung, für meine Sendung, meine Hoffnung – auch für mein prophetisch-kritisches Engagement – alles geben? Stehe ich dafür ganz ein, auch vor den Mächtigen in Religion und Staat? In dieser kleinen Szene – wir dürfen annehmen, dass Markus sie bewusst zu einer „programmatischen“ Szene verdichtet – erkennt Jesus im Tun der armen Witwe das, was jetzt für ihn selbst zur Entscheidung heranreift. In dieser Frau, die alles gibt, steht ihm sein eigener Weg vor Augen.

Jesus wird alles geben, was er hat und ist. Er bleibt bei seiner prophetischen Kritik und geht mit den Todesmächten in Politik und Religion keine Kompromisse ein – wie Amos und andere Propheten vor ihm. Jesu Einsatz für die kleinen Leute, die Armen, die Witwen und Waisen und für die vielen, die „wie Schafe sind, die keinen Hirten haben“ (Mk 6,34), wird hier an diesem heiligen Ort eindeutiger als bisher auf dem Weg durch Galiläa. Die Eindeutigkeit der armen Witwe führt ihn selbst in die Eindeutigkeit seiner Armut Gott gegenüber, die bereit ist zum Äußersten, bis zum Tod am Kreuz

Der Blick auf die Berufung Jesu, auf seinen Weg, und damit auch auf die mögliche eigene Berufung, auf den je eigenen Weg, wird deutlich. Ganz-Hingabe, Loslassen, Vertrauen, das kann man bei der armen Witwe lernen, denn sie gibt alles. Auf der anderen Seite sind jene, die „nur etwas vom Überfluss abgeben“ (Mk 12,44) oder die Besserwisser und die Heuchler, die nur nach Außen fromm tun, oder die Mächtigen, die nur Angst haben, ihre Macht zu verlieren. Bei ihnen kann man nicht lernen, was Eindeutigkeit, Ganz-Hingabe und Loslassen und Gottvertrauen bedeutet. Auf dem Weg mit den Jüngern in Galiläa, unter den „kleinen Leuten“, da war die Stimme Jesu anders – versöhnlicher, tröstender; hat er da doch zu Menschen gesprochen, die Heil und Heilung, Trost und Verstehen brauchten. In Jerusalem, dem Zentrum der geballten religiösen, wirtschaftlichen und politischen Macht, da klingt Jesu Stimme schärfer und herausfordernder: Amos scheint wieder da oder ein anderer der Propheten.

Und wie spricht Jesus zu uns, zu dir und mir? Mit harter Stimme oder tröstend?

Die Westmauer des Tempels, die Mauer der „kleinen Leute“ in Jerusalem, der Ort, wo sich die thronende Gegenwart Gottes mit ihnen verbunden hat, sie wurde nicht zerstört bis heute. Und Jesus, Gottes- und Menschensohn, dem die arme Witwe zum Sakrament, zum Zeichen geworden ist, ist nicht im Tode untergegangen, sondern auferstanden – die Evangelien und wir bezeugen es. Und die arme Witwe hat in der Überlieferung des Evangeliums bis zu uns überlebt, sie, die alles gibt. Darin will sie auch für uns zum Beispiel werden.

 

Seien Sie gesegnet und behütet!                                                         Ihr P. Guido

© PixabayModell des Tempels von Jerusalem. Ansicht gegen die Südmauer. Die Westmauer also links
© PixabayModell des Tempels von Jerusalem. Ansicht gegen die Südmauer. Die Westmauer also links

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