22.08.2026
Gehalten und getragen
Die berühmte Kinderbuchschriftstellerin Astrid Lindgren (1907-2002) – wir kennen sie durch Geschichten wie die von Michel von Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und vielen anderen – hat einmal in einem Gedicht aufgeschrieben, wie sie sich als Gott sehen würde und wie sie dann die Welt sieht. Einen Ausschnitt dieses Gedichtes zitiere ich hier:
„Wäre ich Gott, dann würde ich weinen über die Menschen,
sie, die ich geschaffen zu meinem Ebenbild.
Wie ich weinen würde über ihre Bosheit und Gemeinheit
und Rohheit und Dummheit
und ihre armselige Güte und hilflose Verzweiflung und Trauer.
Und wie ich weinen würde über ihre Herzensangst
und ihren ewigen Hunger,
ihre Sorge und Todesfurcht und trostlose Einsamkeit
und über ihre Schicksale,
ihre erbärmlichen kleinen Schicksale
und ihr blindes Tasten nach jemand ...
irgendeinem! Vielleicht nach mir!“
„Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“ Das fragt Jesus seine Jünger. Will er wirklich wissen, wie die Menschen ihn sehen und einschätzen oder will er wissen, was sie in ihm sehen? Warum fragt Jesus danach? Manches mal ist es spannend, die Perspektiven zu vertauschen. Wenn ich mir vor Augen halte, wie Astrid Lindgren Gottes Rolle sieht, dann wirft das kein gutes Licht auf uns Menschen. Es zeugt von Verzweiflung, was sie da aufgeschrieben hat. Und wenn wir Jesus fragten, du, Jesus, für wen hältst du uns? Ein Blick in die Welt wie Astrid Lindgren sie schildert, genügt, um sich auszumalen, für wen der Gottessohn uns hält. Es sieht da nicht besonders gut aus. Da heißt es in dem Gedicht weiter:
„Und was würde ich weinen
über all die Todesschreie
und all das Blut, das
so sinnlos vergossen wird,
und den Hunger
und die Hoffnungslosigkeit
und die Not
und alle wahnsinnigen Qualen
und einsamen Tode
und über die Gefolterten,
die schreien und schreien,
und über die Folterer
noch mehr…
Und dann die ganzen Kinder,
all die Kinder,
über die würde ich
am allermeisten weinen.
Ja, wenn ich Gott wäre,
dann würde ich wohl
viel über die Kinder weinen,
denn ich hätte wohl kaum gewollt,
dass es so für sie aussehen würde.
Ströme, Ströme würde ich weinen,
damit sie ertrinken könnten
in den gewaltigen Fluten meiner Tränen,
alle meine armen Menschen,
und endlich Ruhe wäre.“
(Ausschnitte aus: Astrid Lindgren „Wäre ich Gott…“ in: Oetinger Lesebuch, 1995)
Nein, mit dem letzten Abschnitt bin ich nicht einverstanden. Gott will nicht, dass die Menschen Ruhe geben. Er will nicht, dass wir in unseren Tränen ertrinken. In Jesus Christus hat uns Gott nicht nur gesagt, sondern vor Augen geführt, dass er nicht will, dass wir Menschen untergehen. Er macht das an Simon Petrus deutlich. Er, der so von Gottes Geist inspiriert, vom Messias, vom Gottes- und Menschensohn spricht – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“, er, der ein Hitzkopf ist, und der ihn kalt verleugnen wird, wenn es eng wird im Hof des Hohepriesters, diesen Simon macht Jesus zum Felsen und baut auf ihn die Kirche. Bei aller Schwäche hält Jesus ihn für den Richtigen. Er hält die größten Stücke auf diesen Mann, der eigentlich seine Sache vermasselt. Genauso sieht Jesus und in ihm Gott auch uns.
Du, Jesus. Für wen hältst du uns?
Dass Jesus den Petrus so hochhält, das hilft uns. Wenn er Petrus für den Felsen hält, für was wird Jesus Christus dann wohl uns halten? Auch, wenn wir unsere Sache nicht recht machen, hält Jesus zu uns. Wir sind sicher keine Felsen. Wir sind „große und auch kleine“ Steine, aus denen die Kirche aufgebaut ist. Nein, wir stützen nicht die ganze Kirche. Aber wir sind Teile in ihr. Trotz all dem, was wir schlecht gemacht haben – unsere Schwächen und Sünden kennt er –, hält Jesus zu uns. Er wählt den Petrus. Damit zeigt er: Er will keine perfekte Gesellschaft. Er steht zu der Gemeinschaft von unzulänglichen und schwachen Menschen, die wir sind. Das ist unser Glaube, und er bekommt Gewicht durch das Evangelium.
Wenn wir jetzt die Frage Jesu hören: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Dann können wir antworten: Wir halten dich für jemand, der uns sieht, wie wir sind, der uns so annimmt, wie wir sind und werden, und uns zum Leben hilft, weil er uns liebt. Wir halten dich, Jesus Christus, für jemand, der uns für einmalig hält und uns zutraut, mit ihm die Welt zu verändern. Wir halten dich für den Sohn Gottes, für einen, der zu uns hält und der uns hält!
Seien Sie gehalten und getragen in der Liebe des Herrn! Ihr P. Guido