04.09.2026
Miteinander
A – Ez 33,7-9; Röm 13,8-10 u. Mt 18,15-20
Eine Gemeinschaft, die miteinander etwas erreichen möchte, Kollegen oder Freunde, denen ein gemeinsames Ziel am Herzen liegt, Partnerschaften, die miteinander einen ganzen Weg oder ein Wegstück bewältigen wollen, ein Chor oder ein Orchester die gemeinsam musizieren wollen. Sie müssen aufeinander bauen und einander vertrauen können, sie brauchen Regeln und müssen einander helfen. Und wie geht das mit diesen Regeln? Wie ist das, wenn Regeln verletzt werden? Wir müssen miteinander auf die die Regeln achten, mögliche Fehlentwicklungen benennen und so einander helfen, das angestrebte Ziel zu erreichen.
Fehler machen, schuldig werden, sich falsch verhalten tut keiner gerne. Wenn man dabei ertappt wird und einem dann die Verfehlungen vorgehalten werden, das ist oft beschämend, schmerzhaft, zuweilen unerträglich. Gerne wären wir unanfechtbar, fehlerlos, einfach vollkommen. Das ist unmöglich. Es gehört zu den schwierigen Aufgaben, damit leben zu lernen. Dennoch ist es ein entscheidender Baustein im Prozess des „Erwachsenwerdens“ und notwendig, ein gestecktes Ziel zu erreichen. Ich muss also zu meinem Fehlverhalten stehen, um Hilfe annehmen und mich ändern zu können.
Leichter scheint es ja, anderen Vorwürfe zu machen. Leichter scheint es, die durch Fehler entstandene Schuld einem anderen in die Schuhe zu schieben. Leichter scheint es, Fehler überall nur nicht bei sich selbst aufzudecken. Das sehen wir im Kleinen wie im Großen. Wir beobachten es auf der großen öffentlichen Bühne der Politik, im Konflikt zwischen Kindern, aber auch zwischen Ehepartnern, Geschwistern, Arbeitskollegen. Einfach überall dort, wo Menschen miteinander zu tun haben und leben.
Jesu Botschaft ist nicht abstrakt. Sie ist konkrete Lebenshilfe! Das Evangelium, das wir eben hörten, knüpft genau hier an. Gut, im Evangelium geht es um die Gemeinde der Christen. Aber wir dürfen uns gestatten, das Gesagte ein wenig allgemeiner zu betrachten.
Aus eigener Erfahrung wissen wir: Wenn wir jemandem sagen, dass er sich falsch verhalten hat, sind wir in der Versuchung, dass wir diesen Menschen niedermachen, abwerten und ihm seine Fehler erbarmungslos um die Ohren hauen. Die meisten so Angegriffenen reagieren mit Abwehr und Verteidigung. Man meint, es gäbe kaum eine andere Chance, als sich zu verteidigen, sich vor der Verurteilung zu schützen oder sich vor lauter Scham zu verkriechen. Das führt dazu, dass Veränderung oft unmöglich scheint.
Kluge Fachleute lehren uns deshalb, zwischen der Sachebene und der Beziehungsebene zu unterscheiden. Kurz gesagt, sie wollen uns beibringen, hart in der Sache zu sein, sprich die Wahrheit auszusprechen. Doch mit dem Menschen auf der Beziehungsebene muss man heilend umgehen. Da ist nützlich, was wir im Evangelium gehört haben, denn hier wird diese Unterscheidung der Ebenen angesprochen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass es vor einer möglichen Zurechtweisung auch eine Beziehungsebene gibt, will sagen, die Anrede mit dem persönlichen Du muss vorab gegeben oder zumindest möglich sein. Erst dann ist geschwisterliche Sprache miteinander möglich. Das Evangelium empfiehlt: Die Sache muss zuerst unter vier Augen besprochen werden. Wenn das nichts nützt, in einer kleinen Gruppe miteinander. Bleibt auch das erfolglos, muss sich der Schuldige sein offensichtliches Fehlverhalten vor der ganzen Gemeinde verantworten. Ist er auch dann nicht bereit, seinen Fehler einzusehen, darf sich die Gemeinschaft von ihm trennen. Nur, verurteilt werden darf der Mensch deshalb nicht. Keiner hat das Recht, einen anderen abzuwerten, weil er sich falsch verhält. Letzteres ist ganz entscheidend. Eine Verurteilung ist uns nach der Maßgabe Jesu verwehrt.
In all diese Überlegungen und Aktionen ist immer die Beziehungsebene zu Gott mit einzubeziehen, also muss man sich betend an Gott wenden und Ihm den Bruder oder die Schwester anvertrauen, denn er ist überall dort, wo zwei oder drei im Namen Jesu zusammen sind. Das schließt gerade trotz Fehlverhaltens die Verurteilung des Schuldigen aus. Ein Urteil ist Gott allein vorbehalten. Das Wesen christlicher Gemeinschaft ist es, zu vergeben: siebzigmal siebenmal, also unendlich oft, wie es im direkt folgenden Abschnitt des Evangeliums heißt (vgl. Mt 18,22). Sich kritisieren lassen lernt, wer sich mit sich versöhnt, wer wirklich weiß, wie sehr er oder sie selbst in der Fehlerhaftigkeit der eigenen Existenz auf Vergebung und Barmherzigkeit angewiesen ist. Wer sich in der Versöhnung Gottes weiß, der kann sich selbst auch kritisieren lassen, denn er weiß um die barmherzige Liebe Gottes. Als Christen haben wir so wunderbare Hilfen, die uns so lehren, zu unterscheiden. Wir können vertrauen, dass Gott ein großes und liebendes Herz für uns hat, dass wir auch als unvollkommene Menschen in Liebe angenommen sind.
Gleichzeitig aber bleibt Jesus in seiner Botschaft in der Sache hart. Fehlverhalten und alles Trennende und Absondernde – die Sünde (Sünde = sich absondern), müssen abgebaut werden. Echtes Fehlverhalten muss klar und sachlich ausgesprochen werden und auch ausgesprochen werden können, ohne den Menschen unwürdig zu behandeln. So hat dieser oder diese andere, dieses DU, die Chance, einsichtig zu sein und sich bestenfalls sogar zu verändern.
Es geht Jesus und seiner Botschaft ganz konkret darum, Veränderung im Sinne von Heilung anzustoßen. Glaube an die Nähe Gottes bedeutet wirklich, dass das Leben besser gelingt, besser werden kann. Der Mensch soll dem Menschen nicht ein wildes Tier sein, das ihn auffrisst – wie es der Philosoph Thomas Hobbes sagt, sondern er soll in und aus Jesus Bruder, Schwester, Freund und Wegbegleiter oder Wegbegleiterin sein, weil der Herr selbst es auch für uns ist. Übrigens: Wenn man aufeinander mit den Ohren des Herzens hört, gelingt auch die Harmonie miteinander.
Ihnen Gottes Segen und bleibt behütet!
Ihr P. Guido