11.09.2026

Bei ihm ist Vergebung (Psalm 130,4)

Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis von P. Guido Dupont O.Cist.

A – Sir 27,30-28,7; Röm 14,7-9 u. Mt 18,21-35

 

Da sagt jemand am Ende des Schuldbekenntnisses bei der Beichte: „Ich bereue meine Sünden und bitte um eine entsprechende Buße und um die Lossprechung.“ Und fügt dann hinzu: „Ich bitte auch um die Vergebung aller meiner Sünden, die ich möglicherweise vergessen und nicht gebeichtet habe.“ – Natürlich möchte man bei der Beichte richtig aufgeräumt haben. Wenn man es schon auf sich nimmt, die eigenen Verfehlungen und Sünden in den Mund zu nehmen, dann sollte hinterher alles blitzeblank sein. Aber rechnet uns Gott auch die vergessene Schuld an? Was heißt dann Vergebung?

Mir kam diese Situation in den Sinn, als ich über das heutige Evangelium nachdachte. Auch wenn heutzutage und hierzulande immer weniger Katholiken das Bußsakrament – die Beichte – wirklich als eine Lebenshilfe betrachten – was ich bedauerlich finde –, bleibt die Frage nach der Tiefenwirkung dieses Sakramentes und auch die Frage nach der Qualität der erfahrenen Vergebung akut. Mit „Tiefenwirkung“ meine ich dabei die für das Sakrament notwendige echte Reue, das ehrliche Bekenntnis der tatsächlichen Sünden und die Bereitschaft, das Leben auch zu ändern. Mit der „Qualität“ der Vergebung meine ich die wahre Annahme des göttlichen Geschenkes der vergebenden Liebe Gottes durch den Beichtenden. Das Sakrament als solches fordert als echtes Zeichen der Erlöserliebe Gottes alle diese genannten Elemente. Es kann seine ganze Kraft – ich nenne die hier einmal „Tiefenreinigung“ – nur entfalten, wenn es verbunden mit der Bitte um Vergebung als geistliches Erlebnis tatsächlich angenommen wird.

Nun, im Evangelium geht es auch um Vergebung. Allerdings um gegenseitige Vergebung. Und in der Tiefe um das rechte Verständnis von Vergebung. Eben um die von mir angesprochene „Qualität“ und das, obwohl im Gleichnis zuerst von einer Art rechnerischer oder quantitativer Betrachtung finanzieller Dinge die Rede ist. Da fordert einer Rechenschaft. Wie so vieles andere war zur Zeit Jesu auch die Vergebung streng reglementiert. Das war keineswegs eine Sache des Herzens oder der gegenseitigen Toleranz und Großherzigkeit. Den Pharisäern genügte dreimalige Vergebung. Nun, Petrus schlug Jesus mehr als die doppelte Anzahl des Barmherzigkeit-Aktes vor, als er „siebenmal“ nannte. Und dann sagt Jesus doch tatsächlich „siebzigmal siebenmal“! Petrus muss schockiert gewesen sein. Was Jesus als Bild versteht, ist für uns heute meistens ja auch die Realität: Schuld bedeutet heute zuallererst Schulden. Was Jesus für den moralischen und zwischenmenschlichen Bereich fordert, deuten wir finanziell. Und bei Geldschulden gibt es klar formulierte und bekannte Vorgehensweisen.

Allerdings müssten wir schnell merken, dass eine bloße finanzielle Betrachtungsweise dieser Rechenschaftslegung schon im Gleichnis nicht stimmt. Warum? So mag man fragen. – Zehntausend Talente sind nicht weniger als 46 Millionen Euro. Eine kaum vorstellbare Summe. Die beiden Schuldner im Gleichnis waren sich ihrer Schulden allerdings voll bewusst, wahrscheinlich gab es Schuldscheine, die jedes Talent und jeden Denar belegten. Jesus geht es aber um mehr als um ein Rechenbeispiel. Es geht ihm um die innere Schuld und auch um die Fähigkeit, um Vergebung zu bitten. Das Wissen um persönliche Schuld ist heute aber bei vielen unserer Zeitgenossen – vielleicht ja auch bei uns selbst – verloren gegangen. Fast alles wird „entschuldigt“: Die Verhältnisse sind schuld, das Elternhaus, die Schule, die Regierungen oder – noch besser, weil sie sich nicht wehren kann – die Gesellschaft an sich. Richtig ist, dass Schuld oft viele Ursachen hat, aber eine – und oft ist es die wichtigste – ist die individuelle, die persönliche Schuld. Doch wer sich für schuldlos hält, kann nicht um Vergebung bitten, er ist ja ohne Schuld. Und wer nicht um Vergebung bittet, dem kann und dem braucht auch nicht vergeben zu werden. Er oder sie braucht sich auch nicht zu ändern. Und wie sieht es Gott gegenüber aus?

Der Schwund in der Nutzung des Bußsakramentes sagt sehr deutlich, dass die Bitte um Vergebung im Bezug auf Gott für viele nicht mehr im Blickfeld ist. Das heißt aber auch, dass Gott selbst nicht mehr im Blickfeld ist. Es ist wie im Leben mit anderen Menschen: Wenn ich mit Gott mein Leben bedenke und mein Verhalten reflektiere, dann wird mir bewusst, wo Fehlverhalten ist, wo Schuld entsteht, und wo Vergebung notwendig wird. Dann erst wird auch deutlich, wo Veränderung ansteht. Veränderung im Leben kann aber nicht aus dem Defizit, also aus der Schuld selbst heraus entstehen. Vielmehr benötigt Veränderung positive Lebensenergie: Die Bereitschaft und unbelastete Aktivität, das Leben neu zu überdenken und entsprechend zu handeln. Und die kommt aus der Vergebung, aus der Heraus-Lösung aus der Schuld.

Auch für den, der Vergebung schenkt, ist das ein befreiender und reinigender Weg. Die echte Vergebung heilt Wunden ohne Vernarbung. Das macht Gott uns vor und davon erzählt Jesus. Jener, der die lächerliche Schuld von hundert Denaren, das sind etwa 50 Euro, nicht vergeben konnte, landet letztlich im Folterkeller, weil er das Geschenk der Vergebung verweigert und, weil er, im Bild des Gleichnisses gesprochen, die Last und Qual der Unfähigkeit zu vergeben auf sich gezogen hat. Aber machen wir es uns bewusst: Die „Qualität“ der Vergebung, von der Jesus spricht, sie liegt darin, sie wirklich in unser Innerstes hineinzulassen als Geschenk der Liebe, denn deshalb hat er selbst die Last des Kreuzes auf sich genommen, damit wir frei werden von Schuld und frei in unserer Entscheidung, um so selbst vergeben zu können.

So beten wir im Vaterunser:

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern“.

Seien Sie in der barmherzigen Liebe des Vaters geborgen und behütet!         Ihr P. Guido

 

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