28.08.2026
Himmelwärts
A – Jer 20,7-9; Röm 12,1-2 u. Mt 16,21-27
Kurz nach seiner Wahl im März 2013 sagte Papst Franziskus bei einem Gottesdienst mit den Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle:
„Derselbe Petrus (…) sagt zu ihm: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Ich folge dir, aber sprich mir nicht vom Kreuz. Das tut nichts zur Sache. Ich folge dir mit anderen Möglichkeiten, ohne das Kreuz. – Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich, wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn.“
Natürlich sind die Nachfolgeworte des Evangeliums, die wir gerade gehört haben, Urgestein der Botschaft Jesu. Deshalb ist es notwendig, dass wir uns damit beschäftigen, damit auseinandersetzen. Mir kommt ein Wort des Heiligen Bernhard von Clairvaux in den Sinn, der einmal sagte: „Des Kreuzes Arme sind wie die Flügel der Vögel, sie tragen himmelwärts!“ Machen wir uns klar: Das Bekenntnis zu Jesus Christus und das Wort vom Kreuz und der Kreuzesnachfolge, sie gehören zusammen. Nur von Jesus und seinem Weg her erschließt sich, was die Kreuzesnachfolge bedeutet und was sie fordert. Darf ich an das Evangelium vom letzten Sonntag erinnern. Jesus hatte die Jünger gefragt, für wen ihn die Leute hielten. Zuletzt antwortet Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16) Darauf sagt Jesus zu Petrus, er habe diese Einsicht vom Himmel empfangen und er sagt Simon zu, dass der der Fels sei, auf den er seine Kirche bauen wolle. Bei all der Charakterschwankungen, bei der Schwäche und Wankelmütigkeit des Petrus – schließlich wird er ihn im Hof des Hohepriesters Kajaphas verleugnen – sieht Jesus Simon Petrus den Felsen, auf dem die Kirche entstehen kann, die künftige Gemeinschaft des Glaubens. Warum? Weil Jesus keine perfekte Gesellschaft will, sondern Menschen wie du und ich und, das wird gerade im Messiasbekenntnis des Petrus deutlich, weil er gewissermaßen „durchlässig“ sein kann für Gottes Inspiration. Deshalb hat Petrus ja vom Vater im Himmel die Erkenntnis über den Gottessohn empfangen. Es ist offensichtlich eine Qualität des Petrus für Gott offen zu sein und das sollte auch für uns erstrebenswert sein: Durchlässig zu werden auf Gott hin. Wo aber diese Durchlässigkeit nicht gegeben ist, in diesem Moment bleibt nur die menschliche Schwäche und Gebrochenheit, der Egoismus und die Angst um sich selbst zurück. „Ich folge dir, aber sprich mir nicht vom Kreuz“, so hat, diesen Grundgedanken aufgreifend, Papst Franziskus gesagt. Es geht also nicht um das Kreuz an sich - das ist ja auch nur unsinniger Schmerz und Vernichtung. Wenn allerdings das „Kreuz“, will sagen „der Gekreuzigte“ ebenso durchlässig wird auf Gott hin, im Verzicht auf Macht und im Vertrauen auf Gottes guten Willen, dann, ja dann kann am „toten Punkt“ der Ohnmacht, mitten im größten Leid, mitten im Tod, das Leben von Gott her gewinnen.
Im Jahr 1951 hat der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis einen Roman veröffentlicht, der den Titel trägt: „Die letzte Versuchung Christi“. Die entscheidende Szene dieses Romans lässt sich knapp so umschreiben: Am Kreuz angenagelt, erlebt Jesus wie schön und erfüllend ein Leben im Kreis der Familie, mit Frau und Kindern sein kann. Und der Versucher gaukelt ihm vor, dass er sich immer getäuscht habe, weil Gott ja nie von ihm das Opfer seines Lebens gefordert habe. Der Vater sei ja so verständnisvoll und er müsse nur seine Möglichkeiten als Gottessohn nutzen, um im Bewusstsein der Güte und Liebe Gottes alt zu werden... so Nikos Katzanzakis. Das entwertet das Kreuz und verwässert die Ernsthaftigkeit des Bemühens um die Wahrheit des Lebens.
Es ist eine ähnliche Versuchung – auf das christliche Leben und auch auf das Wort vom Kreuz angewandt – zu meinen, man könne Gott vorschreiben, wie er seinen Willen zu erfüllen habe. Glaubendes Vertrauen sieht anders aus. Durchlässig zu werden auf Gott hin, heißt, immer wieder Jesus und seinem Wort und seinem Tun im eigenen Herzen Raum zu geben. Das ist die Wahrheit des Christus-, des Messiasbekenntnisses: Du bist mein Erlöser! Mit dir, der du dein Kreuz getragen hast, kann auch ich mein Kreuz tragen. Seit der Taufe wohnt er in uns. Er ist in unserem „Herzen“ in unserer Personenmitte. Dieses Bewusstsein anzunehmen und lebendig zu halten, führt dazu, dass wir von innen her durch Gott selbst verwandelt werden und den rechten Weg des Lebens gehen. Damit ist es uns aber auch keine unbedeutende Erkenntnis zu wissen, dass zu Jesus Christus das Opfer seines Lebens aus Liebe gehört: Das Kreuz! Wer so auf seinem Weg ihm nachfolgt, der weiß auch, dass es also tatsächlich darum geht, sich selbst zu sterben, will sagen den eigenen Egoismus und seine Begrenztheiten zu überwinden, um in und aus Gott zu leben. Das bedeutet aber gleichzeitig auch: Wenn wir bekennen, dass uns in Christus alles möglich ist, wieso trauen wir ihm dann nicht zu, dass er etwas Besseres aus uns machen kann?
Wenn man so will, erschließt sich der „Mehrwert“ des Glaubens genau aus dieser Haltung: Wenn ich mich um Christi willen in ihn hinein verliere, werde ich alles gewinnen! Der Herr will jeden von uns an sein Herz nehmen. Lassen wir uns also von ihm umarmen, um eins zu sein mit ihm (vgl. 1 Kor 6,17). Das Kreuz, sein Leiden und Sterben für uns, ist das größte Zeichen seiner Liebe. Nehmen wir also unser Versagen, unsere Schwäche, Krankheit und Leid, ja selbst den Tod mit IHM an, damit des Kreuzes Arme uns himmelwärts tragen.
Seien Sie in der Liebe des Herrn gesegnet und behütet!
Ihr P. Guido