18.09.2026

Geschenk

Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis von P. Guido Dupont O.Cist.

 A – Jes 55,6-9; Phil 1,20ad-24.27a u. Mt 20,1-16

Zu den „sieben Todsünden“ gehört der Neid. Der Neid vergiftet das Leben und jede Beziehung. Das Märchen der Gebrüder Grimm vom Schneewittchen erzählt von diesem tödlichen Gift. Die Königin und Stiefmutter war durch das Wort des Spiegels, der ihr sagte, Schneewittchen sei tausendmal schöner als sie selbst, verbittert und das Märchen erzählt weiter, dass sie erschrak bis in ihr Mark und gelb und grün wurde vor Neid. Ja, wenn sie von jetzt an Schneewittchen sah, kehrte sich das Herz in ihrem Leibe herum, weil sie das Mädchen so sehr hasste. Waren die Arbeiter der ersten Stunde im Evangelium etwa neidisch, weil sie sahen, dass jene der letzten Stunde ebenso viel Lohn erhielten wie sie selbst? Geht es in diesem Gleichnis Jesu um Neid?

Es sieht so aus, als wolle das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg die Zuhörer provozieren, weil jene, die am kürzesten gearbeitet haben, offensichtlich bevorzugt werden. Solche Ungerechtigkeit fordert Widerspruch und Neid heraus. Ich denke, Jesus will seine Jünger und seine Zuhörer hier herausfordern. Der Konflikt ist da. Wie kann die Sache bereinigt werden? Jedenfalls stehen die Zuhörer zunächst einmal auf der Seite derer, die gerechten Lohn fordern.

Schauen wir noch einmal auf den Text des Gleichnisses. Wir betrachten ihn von seinem Ende her, vom Lohn, der ausgezahlt wird. Jene, die sich ungerecht behandelt fühlen, machen keinen Hehl aus ihrem Unmut. Der Herr des Weinbergs sieht, was dieser Unmut mit ihnen macht und was in ihrem Inneren sich abspielt. Sie „murrten“ hieß es (Mt 20,11). Die Antwort des Gutsherrn: „… ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Erinnert das nicht an die Haltung der Königin im Märchen? Wurden auch die Arbeiter der ersten Stunde gelb und grün vor Neid? Ihr Innerstes wendet sich nach außen, die Augen verraten es. Jesus sagt damit, wie Menschen durch die innere Fehlhaltung, durch die Sünde, durch den Neid und den Egoismus böse werden. Wenn wir uns davon definieren, was wir haben und erreichen, dann treibt uns der Ehrgeiz dazu, immer mehr haben zu wollen, um auch mehr zu sein. Also: Was und wer bestimmt unser Leben und von wo bestimmen wir uns selbst?

Was hatte der Gutsherr seinen Arbeitern als Lohn zugesagt? Einen Denar. Das ist der gebräuchliche Tageslohn eines Arbeiters zur Zeit Jesu. Aber es geht in diesem Gleichnis gar nicht um die Frage der Lohngerechtigkeit, wohl aber um den Lohn. Am Anfang des Gleichnisses heißt es, wie bei fast allen Gleichnissen bei Matthäus: „Mit dem Himmelreich ist es wie …“ (Mt 20,1). Darum geht es: Um das Himmelreich. Im Grunde entspricht der eine Denar dem, was Gott denen gibt, die sich bei ihm verdingen, sich für ihn einsetzen. Der eine Denar ist symbolisch für diese Entsprechung. Und mehr als das Himmelreich, mehr als die ewige und glückselige Gemeinschaft mit Gott in der Fülle des ewigen Lebens kann es nicht geben. Unser auf Berechnung und Leistung angelegter menschlicher Maßstab hat hier keine Bedeutung.

Das bedeutet aber auch und vor allem: Jesus stellt den Jüngern, seinen Zuhörern und uns vor Augen, dass wir alle zuerst einmal Beschenkte sind: Leben, Gesundheit, Arbeitskraft, die Schöpfung, unsere Beziehungsfähigkeit, überhaupt alles und nicht zuletzt den christlichen Glauben verdanken wir nicht uns selbst. Vielmehr müssen wir uns fragen: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (vgl. 1 Kor 4,7). Wenn wir das beherzigen, dann sehen wir den Maßstab Gottes, der gibt und schenkt ohne Bedingungen und Leistungen, und ist es keine Frage, dass Gott zu allen gütig ist.

Das Murren und der Neid sie sind im Blick auf das Himmelreich einfach absurde Verhaltensweisen. Sie sind Sünde, weil sich durch sie die einzelnen absondern und den Maßstab Gottes, seine Liebe und Güte verletzen. In diesem Gleichnis steckt damit auch eine Kritik an Fehlentwicklungen in der jungen Christengemeinde und in der Kirche bis heute. Man kann mit Gott keine Rechnung über sein Engagement in der Gemeinde und in der Kirche aufmachen. Jesus führt die Menschen, die ihm zuhören, zur Einsicht: Der Ruf zur Arbeit in den Weinberg Gottes ist Gnade und Geschenk! Wir dürfen ihm nicht aus Berechnung folgen, dürfen nicht aufrechnen, was wir getan haben und wie unsere Belastungen aussehen. Das Leben im Glauben und in der Gemeinschaft der Kirche ist keine zusätzliche Belastung zu den Lasten des Lebens und auch keine geforderte Leistung für eine kirchliche Karriere. Wenn man sich damit belastet sieht, schaut man vielleicht doch mit neidischem Blick auf die anderen, die, so sagt man es gerne, „kirchlich nicht gebunden“, vieles im Leben leichter nehmen und von sogenannten zusätzlichen Problemen verschont sind.

Jesus lehrt uns, dass es Dienst der Liebe ist, sich einzusetzen und zu engagieren. Und es ist nicht nur Dienst, es ist Geschenk der Liebe im Weinberg des Herrn, sprich in der Gemeinschaft des Glaubens füreinander da zu sein. Dazu stärkt uns die Gnade Gottes. In diesem Sinn „werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte“ (Mt 20,16).

 

Seien Sie gesegnet und behütet in der Liebe Gottes!                               

Ihr P. Guido

 

 

 

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