02.10.2026

Erntedank

Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis von P. Guido Dupont O.Cist.

 A – Jes 5,1-7, Phil 4,6-9 und Mt 21,33-42.44.43

 

„Danke Gott, dass du da bist. Danke, dass ich ganz dir gehören darf!“ Mit diesen Worten hat Bruder Lorenz von der Auferstehung, ein Karmeliterbruder aus dem 17. Jahrhundert – er lebte von 1608 bis 1691 – seine Praxis der Einübung des Lebens in der Gegenwart Gottes ins Wort gebracht. Tief empfundene Dankbarkeit war für ihn der Königsweg des geistlichen Lebens, ohne dass er diesen Weg nach außen propagiert hätte. ( Bruder Lorenz „All meine Gedanken sind bei dir - In Gottes Gegenwart leben“, hersg. v. Reinhard Deichgräber, Neudorf 5/2026.)

An diesem Sonntag feiern wir Erntedank. Erntedank nach einem Sommer der Extreme: Zu heiß war es, zu viele Hitzetote, die Flüsse und Seen ausgetrocknet, verheerende Brände, Stürme von in Europa ungewohntem und enormen Ausmaß mit Sturzregen und tornadoartigen Winden. Auch wenn es immer noch etliche Skeptiker gibt, das Stichwort auch in diesem Sommer heißt: „Klimawandel“. Und es ist damit zu rechnen, dass spätestens übers Jahr Obst, Gemüse und andere Lebensmittel wieder mal teurer werden.

Wir lesen an diesem 27. Sonntag im Jahreskreis (A) in der Liturgie Texte, die auch mit Wachstum und Ernte zu tun haben und auch damit, dass wir, wenn wir an Gottes Nähe glauben, unsere Sorgen nicht zu ernst nehmen sollten. So sagt Paulus im Brief an die Philipper ausdrücklich: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!“ (Phil 4,6). Können wir das so einfach? Solchem Tun steht doch zusammen mit der genannten Problematik einiges entgegen: Übergroße Sorge und Angst um den Zustand der Welt, um die politische und wirtschaftliche Situation nicht nur in unserem Land, um Menschen, die uns nahestehen und auch um die eigene Existenz. Ehrlich, wir sind zu sehr nur auf uns selbst fixiert. Ja, die Sorge und die Angst führen allzu schnell dazu, Gott, den Schöpfer zu vergessen und der Weg zu Gott gerät aus dem Blick. Das ist es, was im Evangelium von den Pächtern des Weinbergs und im Liebeskummerlied des Jesaja anklingt.

Wir wissen es: Vielfach wird Gottes Weg schon in den Familien nicht mehr beschritten. Das Alltägliche, die Umwelt, absorbiert einem ganz, nimmt die notwenige Weitsicht. Viele Menschen lassen sich in ihrem Wertebewusstsein verunsichern. Von Gott sprechen – auch für viele, die sich Christen nennen, ist das einfach von gestern. Man spricht vielmehr von einer wertfreien und toleranten Gesellschaft. Da hat Gott keinen Platz und wird eben als Privatsache bezeichnet. Aus Verfassungstexten und Eidesformeln wird er gestrichen. Es gibt vieles, was im Alltag unseres Lebens den bewussten Gottesverlust kennzeichnet. Dabei steht dahinter oft keine bestimmte Ideologie, außer einer falschen menschlichen Selbstverantwortung und verqueren Weltsicht.

Wenn diese Analyse auch nur ansatzweise korrekt ist, dann müssen wir Christen aus Überzeugung danach fragen, wie wir gegensteuern können. Kommen wir noch einmal zurück zu dem am Anfang erwähnten Bruder Lorenz. In den aufgezeichneten Gesprächen findet sich ein Hinweis, wie er zu seiner für ihn prägenden Einsicht gelangt ist. Da erzählt er davon – er nennt es eine besondere Gnade – wie er einen Baum betrachtete, der kahl und entblättert war, um dann im Frühjahr Blüten und im Herbst reife Früchte zu tragen. Diese Einsicht ließ ihn das wunderbare und gottgeschaffene der Schöpfung begreifen und es traf ihn in seinem Innersten, wie sehr doch von einem liebenden Gott all die Dinge der Schöpfung geordnet und geformt werden. Dieses Geschenk der einfachen Betrachtung senkte – so sagt es Bruder Lorenz – einen tiefen Eindruck von der Allmacht und Vorsehung Gottes in sein Innerstes. Für ihn war es nur ein kleiner Augenblick, in dem er sich Gott geöffnet hat und der sein Leben veränderte. Auch wir brauchen, zu unserem eigenen Wohl diesen Augenblick der Einsicht. Er ist der Schlüssel, um aus einer falschen Weltsicht und aus der Handlungsunfähigkeit und einer gottverneinenden Haltung herauszukommen. Ja, wir können solche Einsicht nicht erzwingen. Aber wir können uns dazu bereiten.

Darf ich, ausgehend von der Erfahrung des Bruders Lorenz, dazu einige Schritte vorschlagen?

  1. Wohin geht meine Aufmerksamkeit?

Wie wäre es, einfach im jeweiligen Alltag des eigenen Lebens danach zu schauen, was war heute gut und schön, was hat mir in der Seele gutgetan, was hat mich er­freut und erstaunt? Halten Sie sich einmal drei Beobachtungen vielleicht in einer kurzen Notiz fest.

  1. Wofür darf ich in meinem eigenen Leben dankbar sein?

Wenn ich in meinem Alltag das vor Augen habe, was mich freut, was ich schätze, wofür ich dankbar bin, übe ich mich ein in eine größere Wertschätzung der Wirklichkeit. So übe ich die Kunst, das Wunderbare im Gewöhnlichen zu suchen und zu entdecken. Damit öffne ich die Türe meines Herzens für Gottes Gegenwart.

  1. Wer von meinen Mitmenschen begegnet mir gut?

Ich rufe mir Men­schen ins Gedächtnis, denen ich etwas in meinem Leben zu verdanken habe. Ich danke Gott für die Menschen, die mir wohlgesonnen sind und mir guttun. (Ich verschwende keinen Gedanken an negative und dunkle Erfahrungen und lege sie, wenn sie in mir aufsteigen, in Gottes Hände.) Ich nehme mir vor, denen, die mir guttun, bald einmal „Danke!“ zu sagen.

Ganz sicher gibt es noch viele solcher kleinen Übungen, die das Innere positiv öffnen können. Wir müssen ebenso lernen, dem Dunklen und den negativen Erfahrungen in unserem Leben nicht zu viel, am besten keinen Raum zu geben. Die Dunkelheit zerstört uns, aber sie hat gegenüber dem kleinsten Licht keine Chance. In jeder heiligen Messe spricht der Priester bei der Bereitung der Gaben die Worte: „Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt, du schenkst uns das Brot / den Wein / die Frucht der Erde / des Weinstocks / und der menschlichen Arbeit.“ Himmelwärts und erdgebunden sind die Gaben der Schöpfung. Sie sind uns zum Segen in die Hand gelegt und dem Wunder der Wandlung in Leib und Blut des Herrn geschenkt. Er schenkt uns alles, was wir brauchen. Danken wir ihm für seine Liebe immer und immer wieder.

Seien sie gesegnet und behütet!                                                        

Ihr P. Guido

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