22.07.2023

Lasst beides wachsen bis zur Ernte

Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis von Pater Guido Dupont OCist
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Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis (A) – Weish 12, 13.16-19 u. Mt 13, 24-30 (Kurzfass.)

Lassen wir nachklingen, was Jesus mit dem Gleichnis vom „Unverzagten Sämann“ (Mt 13,1-9) – so habe ich es genannt und wir hörten es letzten Sonntag – den Jüngern und uns sagen will: Er will ermutigen! Wie Gott die Gnade des Glaubens schenkt und wo der gute Boden ist, das werden wir nur erfahren, wenn wir weiter säen. Das ist Aufgabe der Jünger und unsere.

Das heutige Gleichnis, man nennt es das Gleichnis vom „Unkraut unter dem Weizen“, knüpft hier an und ist einmal mehr von erstaunlicher Aktualität. Es wendet sich nämlich auch gegen Tendenzen in der Kirche, die uns beschäftigen. Aber offensichtlich waren sie schon zur Zeit Jesu und in der Gemeinde des Evangelisten vorhanden, sonst gäbe es dieses Gleichnis nicht. Dabei ist es gut zu wissen, dass das bedrohliche Wort am Ende: „Sammelt zuerst das Unkraut.... um es zu verbrennen!“ (Mt 13,30) mit großer Wahrscheinlichkeit nicht Jesus zugeschrieben werden kann, weil es der Grundaussage des Gleichnisses zuwiderläuft.

Was ist nun die „Grundaussage“ Jesu in diesem Gleichnis? „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ sagt er. Das ist sie: Wachsen, sich entfalten lassen, das kommt dem Glauben an seinen Vater, den Jesus verkündet, näher als bewerten und verurteilen. Hier verbindet sich dieses Gleichnis mit dem vom Sämann, bei dem es ja, wie ich sagte, um Ermutigung geht.

Aber da ist ja noch die Haltung der Knechte. Sie sind der Gegenpol. Um was geht es bei ihnen? Schauen wir hin. Nun, in unserer Sprache definieren Worte mit der Endung „-ismus“ häufig etwas Negatives und bezeichnen dann ein Sich-Klammern an falsche, meist totalitäre und autoritäre Fehlhaltungen. In unserem Falle ist der sogenannte „Fundamentalismus“ gemeint. – Verstehen wir es recht: Natürlich bedarf es religiöser Fundamente, ohne die das Leben des Glaubens keine Ausrichtung und keinen Halt gewinnen kann. Hier braucht es Orientierungspunkte und Leitplanken. – Im „Fundamentalismus“ aber geht es vielmehr um Fanatismus (das ist auch so ein „-ismus“!) und Intoleranz, um es mit den Worten des Gleichnisses zu sagen, um bedenkenloses Einteilen in „Weizen“, also das Gute, auf der einen und „Unkraut“, also das Böse, auf der anderen Seite. Fundamentalisten – ich erweitere den Horizont noch einmal und auch hier finden wir diese „-ismen“ – Nationalisten oder Populisten jedweder Couleur leben und glauben nach der Devise: Jetzt müssen mal klare Grenzen gezogen werden! Nicht viele Möglichkeiten und Lebensformen darf es da geben, sondern nur eine einzige; nicht ein „sowohl – als auch“, sondern nur noch ein „entweder – oder“! Also: eine vorgebliche klare Linie, und wer sich danach richtet, wer nicht so kühn ist, sie zu überschreiten, dem geht es gut. Wer sich aber nicht danach richtet, der wird bekämpft, ausgegrenzt und verfolgt – notfalls mit Gewalt. Die „Wahrheit“ ist für solche Leute einfach und überschaubar, die Erkenntnisse ermangeln aller Differenzierungen, die beiden entscheidenden Pole sind „Gut und Böse – Schwarz und Weiß“ und auf sie lassen sich glatt und restlos alle Dinge verteilen. Schattierungen und Zwischentöne gibt es nicht!

Solche Strömungen, gab und gibt es auch innerhalb des Christentums. Christliche Fundamentalisten wollen gerne unterscheiden, bewerten, trennen und verurteilen, ganz wie die Knechte in unserem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen: Sie teilen ein in Pflanzen, die zu guten Kornähren heranwachsen, und in Pflanzen, die Unkraut sind. Und: das Unkraut muss vernichtet werden, und zwar sofort! Manche verhalten sich im Glauben entsprechend: So wie ich den Glauben lebe, das allein ist richtig, und wer andere Formen der Frömmigkeit und des Glaubens sucht und lebt oder wer ein Gebot anders versteht, als ich das tue, der ist nicht mehr christlich, und schon gar nicht mehr katholisch. Fundamentalisten sind sich sicher, dass sie immer auf der Seite der Wahrheit stehen; es sind stets die anderen, die irren oder falsch liegen. Deshalb: Warum noch lange zögern? Es kommt darauf an, um im Bild zu bleiben, das „Unkraut auszureißen“; mit anderen Worten: die vermeintlich Ungläubigen aus der Reihe der wahrhaft Gläubigen zu entfernen und auszuschließen.

Der Gutsherr im Gleichnis – und wer ist das anderes als Gott – hält nicht viel von dieser Art des Handelns. Es ist zum einen noch lange nicht die Zeit zur Ernte, und zum anderen steht es uns, den Knechten, überhaupt nicht zu, festzulegen, was einmal reiche Frucht sein wird und was möglicherweise nicht.

„Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ – das ist eine Aufforderung zur religiösen Toleranz und zur Achtung vor Andersdenkenden, auch innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft. Allerdings ist es keine Relativierung des Glaubens nach dem Motto, dass jeder und jede nach je eigener Art selig werden könnte. Es ist aber die Absage gegen jeden Versuch, sich gegenseitig die Rechtgläubigkeit abzusprechen. Da schimpfen die sogenannten Progressiven auf die sogenannten Konservativen. Wo man aber solches tut, handelt man, ob man es wahrhaben will oder nicht, fundamentalistisch. Denn das Wort „katholisch“ bedeutet ja gerade „allumfassend“. Katholisch glauben, das meint aber nichts anderes als, wirklich von Christus her zu denken und gleichzeitig die Geschichte des Glaubens in der Kirche im Blick zu haben. Das schafft im Übrigen auch eine gesunde Beziehung zur Kirche! Und das bedeutet: Räume schaffen für verschiedene Formen der Frömmigkeit, des Glaubens und der Lebensgestaltung und diese Räume offenhalten. Echte Toleranz im Glauben relativiert nicht und macht auch keine Gleich-Gültigkeit, sondern öffnet das Vertrauen auf Gott hin, denn er lässt wachsen und reifen.

Noch ist Reifezeit. Geerntet wird später! „Lasst beides wachsen bis zur Ernte!“ sagt uns Jesus, und mit diesen Worten hat er sein Gleichnis ursprünglich wohl beendet. Er sagt uns auch: Nehmt euch in eurem Suchen nach dem rechten Glauben an den nahen Gott wirklich wahr und ernst! Bleibt im Gespräch! Habt viel Geduld miteinander! Verurteilt einander nicht und grenzt einander nicht aus! Ihr sollt eine Gemeinschaft sein, die stets auch offen ist für andere! Seid wahrhaftig im Umgang miteinander! So macht das Evangelium, so macht Jesus Mut, den Fremden, den Suchenden, den Außenseitern, allen Menschen, geschwisterlich und liebevoll zu begegnen.

Gott jedenfalls lässt auch das wachsen, was wir vielleicht für Unkraut halten.

Ihnen den Segen Gottes und bleiben Sie behütet!                                                 Ihr P. Guido

Die Messtexte zum 16. Sonntag im Jahreskreis

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