15.07.2023
Aber entscheidend ist: Vieles fällt auf guten Boden
Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis (A) – Jes 55, 10 - 11 und Mt 13, 1 – 9 (Kurzfass.)
Enttäuschung und Resignation breiten sich vielfach aus in unserer Kirche, in unseren Gemeinden und Gemeinschaften. Es sind nicht nur die Vergeblichkeit vieler Mühe und die Gleichgültigkeit, die um sich greifen. Es ist tatsächlich allzu viel Negatives, das mit Kirche verbunden wird, vom sexuellen Missbrauch bis hin zu Macht- oder spirituellem Missbrauch. Dazu hängt man vor allem der sogenannten „Amtskirche“ auch das Etikett „veraltet“ oder „nicht zeitgemäß“ an. Religion und Glaubensausübung wird im Bewusstsein und in der Praxis des Lebens mehr und mehr zur Privatsache. Deshalb sagen auch viele: Wozu brauche ich die Kirche? Im Übrigen mögen Gottesdienste mit ihren Predigten noch so solide vorbereitet und gestaltet sein: Sie haben es nicht verhindern können, dass sich seit etlichen Jahren – und das nicht nur durch die Einschnitte der „Corona-Pandemie“ – die Zahl der Gottesdienstbesucher massiv vermindert hat. Pfarrer und KatechetInnen fragen sich, wenn bald nach der Erstkommunion nur noch wenige Kinder zum Gottesdienst kommen: Was haben wir denn falsch gemacht? Eltern, deren Kinder keinen Zugang zum Gottesdienst mehr finden und vorgeben, nicht mehr glauben zu können, fragen sich: Waren wir nicht glaubwürdig genug? Warum konnten wir ihnen den Glauben als Orientierung fürs Leben nicht vermitteln? Wir alle wissen, dass man diese Negativ-Aufzählung noch ziemlich lange fortsetzen könnte…
Und wir könnten jetzt auch lange miteinander über die Ursachen von alledem nachdenken. Nun: Unsere Welt ist eine andere geworden. Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Die Zeit der scheinbar geschlossenen christ-katholischen Welt ist endgültig vorüber, und: Sie wird nicht wiederkehren. Glauben ist nicht mehr selbstverständlich, wie es ehedem in manchen Gegenden flächendeckend gewesen zu sein scheint.
Darüber zu jammern, macht keinen Sinn. Ja, ich denke vielmehr, dem Glauben und der Lebenskraft des Glaubens kann es sogar guttun, wenn er nicht das selbstverständliche Produkt von Erziehung oder katholischer Umwelt ist, sondern vor allem persönliche Entscheidung. Um die geht es im Grunde. Die Gemeinschaft, die Kirche hat eine Stützungsfunktion für den Glauben jedes und jeder Einzelnen. Das wird immer mehr erkennbar. Wie die Entscheidung zum Glauben zustande gekommen ist, das können wir oft gar nicht entschlüsseln. Das bleibt für uns selbst ein Geheimnis. Wenn wir aber unsere Entscheidung für den Glauben schon nicht zu entschlüsseln vermögen, dann können wir auch die Glaubensentscheidung anderer nicht „machen“. Wir können Hilfestellung geben und das geschieht vor allem durch unser Leben und unser Beispiel. Aber wir können den Glauben der Erwachsenen, der Kinder und Jugendlichen nicht „machen“, nicht als Papst, nicht als Bischöfe oder Pfarrer, nicht als Eltern oder als ehren- und hauptamtlich Tätige in den Gemeinden.
Uns wird bewusst, was im Grunde schon immer Lehre der Kirche war und ist: Glaube ist Geschenk, ist Gnade. Und da sind wir mitten im heutigen Evangelium. Auch die Jünger sind hinausgezogen, haben Jesu Botschaft weitergetragen und die Erfahrung gemacht, dass viele sie nicht hören wollten. Jesus, ihrem Meister erging es auch nicht anders. Auch er fand nicht überall Glauben. Da kamen Fragen und Zweifel bei den Jüngern und in der jungen Kirche auf: Ist das wirklich der, den Gott gesandt hat? Und ist sein Weg der richtige: Langmütig, geduldig mit den Menschen umzugehen, um sie zu werben, sie nicht zu verurteilen, sondern vielmehr zu ermutigen? Wie soll es weitergehen? Das ist auch unsere Frage.
In diese Erfahrung und Fragestellung hinein erzählt Jesus das Gleichnis, das wir eben im Evangelium gehört haben. Ich bin sicher: Er erzählt es für sich, für die Jünger und heute für uns. Natürlich muss man wissen, dass die Ackerfelder damals nicht so aussahen wie wir sie heute wahrnehmen. Sie waren zumeist durch Dornenhecken abgetrennte Flächen, die manchmal auch von Wegen oder Trampelpfaden durchkreuzt wurden. Diese Flächen hat der Bauer mit seinem einfachen Werkzeug, mit Holzpflug oder Hacke aufgebrochen – Eisenpflüge gab es noch nicht. Ja, da geht schon was verloren beim Säen, wenn der Boden dafür nicht geeignet ist. Aber entscheidend ist: Vieles fällt auf guten Boden. Die Fachleute sagen, dass auf dem guten Boden die Saat „stockt“, also Mehrfachtriebe bildet und aufgeht. Dann gibt es tatsächlich bis zu hundertfältigem Ertrag. Das ist Jesu Antwort auf die enttäuschende Erfahrung, dass auch er selbst in Israel so wenig Glauben findet. Und er lädt mit diesem Gleichnis auch uns ein, voll Vertrauen zu tun, was zu tun ist, mit großem und langem Atem.
Sicher haben wir uns immer wieder zu fragen, ob wir glaubwürdig sind, ob wir auch selbst so zu leben versuchen, wie wir es anderen empfehlen. Ob unsere Gemeinschaften auch wirkliche Hilfestellung geben, das Leben in Bezug auf Gott konsequent und froh zu gestalten. Aber wir sind nicht besser oder klüger als Jesus selbst. Auch er konnte den Glauben der Menschen nicht „machen“. Glaube kann nur geschenkt werden. Wie Gott die Gnade des Glaubens schenkt und wo der gute Boden ist, das werden wir nur erfahren, wenn wir weiter säen. Vielleicht geht da überraschend etwas auf, wo wir nichts erwartet haben. Vielleicht geht die Frucht schon heute auf, vielleicht auch erst in Jahren. Lassen wir das Gottes Sorge sein! Von ihm stammt das Saatgut, von ihm stammen alle, die säen, von ihm stammen der Boden und die Frucht.
Ich habe die Kurzfassung des Evangeliums (Mt 13,1-9) gewählt, weil die Deutung des Gleichnisses (Mt 13,10-23) die Aussageabsicht oder „den springende Punkt“ des Gleichnisses nicht unbedingt klarer macht. Man müsste die Deutung des Matthäus intensiver betrachten und sich mit ihr auseinandersetzen. Jesu Absicht ist wie gesagt: Er will aufrichten. Er will zeigen, dass aus dem kleinen Anfang (das Weizenkorn) die Fülle – 100fach, 60fach, 30fach des von Gott gewollten trotz aller Probleme wird. „Der unverzagte Sämann“ oder „die Sache Gottes setzt sich gegen alle Widerstände durch“: so (oder so ähnlich) hätte Jesus dieses Gleichnis überschreiben können. Er hat das Gleichnis erzählt, um Mut zu machen. Auch uns.
Ich wünsche Ihnen Freude am Glauben und bleiben Sie behütet! Ihr P. Guido