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Ich stehe zu dir und nehme dich an, wie du bist.

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© Rudi Grabowski
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6. Sonntag im Jahreskreis (B) Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46 und Mk 1,40-45

Aussatz – Lepra – war damals in Israel nicht nur eine abstoßende und wegen der Ansteckungsgefahr unheimliche Krankheit. Aussatz, das hieß auch: sozial geächtet und isoliert sein. Die Gesetzestexte des Alten Testaments, wir hörten davon in der Lesung aus dem Buch Levitikus, kannten genaue Vorschriften für den Umgang mit Aussätzigen. Sie sollten abgesondert werden und eingerissene Kleider tragen. Sie mussten, wenn sich gesunde Menschen näherten, ausrufen: Unrein! Unrein! Dahinter verbarg sich einerseits die Angst der Gesunden vor Ansteckung, andererseits aber auch das Denken, dass jemand, der solch eine abstoßende Krankheit hatte, auch bis in die Tiefenschichten seiner Persönlichkeit, bis in die Seele hinein, krank und damit der Gemeinschaft unfähig war. Ein Aussätziger war damit auch nicht fähig, am wichtigsten im Leben der Gemeinschaft, am Gottesdienst teilzunehmen. Er war kultisch unrein.

Gibt es Vergleichbares auch bei uns heute? Wir leben mitten in der Corona-Pandemie. Für die Ausgrenzungen aus der Gemeinschaft haben wir das Wort „Quarantäne“. Wir leben mit Kontaktbeschränkungen, müssen Mund-Nasen-Masken tragen, wenn wir einander zu nahekommen. Händereichen zur Begrüßung, Umarmungen, überhaupt menschliche Nähe… das alles sind angstbesetzte Verhaltensweisen, die wir meiden sollen, meiden müssen, um Infektionen möglichst zu verhindern. Dabei ist das im Kern alles gar nicht so neu: Ich denke an Aidskranke, an Menschen mit Krebserkrankungen, an psychisch Kranke, aber auch an Trauernde, die manchmal sagen, sie fühlten sich wie Aussätzige. Genauso denke ich an alte Menschen, die auch vor der Pandemie in ihrer Vereinsamung und in ihren Ängsten allein gelassen wurden. Ja, es gab und gibt viele, die etwas „Aussätziges“ an sich haben. Da ist die tiefsitzende Angst, mit der Trauer, mit der Verwundbarkeit, mit der Einsamkeit solcher Menschen in Berührung zu kommen. Das durchgestylte Leben unserer Gesellschaft ist oft nur Oberfläche und Show. Dass wir in der Corona-Pandemie damit konfrontiert werden, wie brüchig und oberflächlich vieles in unserem Leben ist, schockiert. Und wie sind die Reaktionen? Jammern, Ignoranz, leugnen, resignieren… Begreifen wir, dass wir alle Betroffene sind? Ausgesetzt, „aussätzig“ sind wir alle. Das Äußere hat eine innere Dimension. Leib und Seele gehören zusammen.

Der Aussätzige des Evangeliums geht auf Jesus zu. Er weiß, dass es eigentlich gar nicht anders geht, als dass ein Unreiner auf einen Reinen zugeht. Der Teufelskreis muss durchbrochen werden. „Wenn du willst kannst du mich rein machen.“ Der Betroffene hält Jesus seine Ohnmacht hin – mit seiner ganzen Sehnsucht: Rein zu sein, klar, frei von innerem und äußerem Schmutz, wieder dazu zu gehören und die tödliche Isolation zu überwinden. Da drückt sich eine Ursehnsucht von uns Menschen aus: frei zu sein von allen Selbst- und Fremdvorwürfen, von allen Trübungen des Wesens, die womöglich durch die eigene Lebensgeschichte kommen. Ich möchte im Einklang leben mit mir selbst, mit mir im Reinen sein und auch mit Gott. Doch aus mir allein geht das nicht. Ich selbst kann die Zerrissenheit nicht allein überwinden.

Weil sich der Aussätzige Jesus zuwendet und um Hilfe bittet, beginnt die Heilung.

Jesus hat, wie das Evangelium ausdrücklich sagt, Mitleid mit diesem kranken, aussätzigen Menschen. Das griechische Wort „splanchnisteis“, das an dieser Stelle steht, hat die Bedeutung: „Sich bis in die Eingeweide hinein ergreifen lassen“. Das macht Jesus. Er öffnet sich, um die innere Bitterkeit und Verzweiflung dieses Menschen wahrzunehmen, um zu spüren, wie es in seinem Innern aussieht. Mehr noch: Jesus übernimmt das innere Leiden dieses Menschen und macht es zu seinem eigenen. Und dann streckt er seine Hand aus. Er bietet eine Beziehung an. Er berührt ihn, hat keine Berührungsängste; denn Jesus ist in seiner Beziehung zu Gott, zum Vater, so gefestigt und gehalten, dass ihn auch ein zerrissener Mensch nicht aus dem Gleichgewicht bringt.

Das ist Gottes Weg mit dem Menschen: Die Zerbrochenheit und Zerrissenheit des Menschen in sich hineinzunehmen – das Unreine und Zerstörende, das Absondernde, Sündhafte auf sich zu nehmen, um es in der Liebe zu verwandeln und zu heilen. Das ist Jesu Weg in seiner Menschwerdung von der Krippe bis zum Kreuz, um dem Menschen einen Weg zu Gott und hinein in das neue Leben zu zeigen. So geschieht die Heilung.

„Ich will es, werde rein!“ Was heißt das anderes als: Ich stehe zu dir und nehme dich an, wie du bist. Jesu Wort ist Gottes Wort. Und das schenkt dem Menschen Raum zum Leben. Das macht den Aussätzigen rein, heilt ihn wunderbar am Leib und in der Seele. Dann schickt ihn Jesus weg, das heißt, der Geheilte muss nun sich selbst annehmen. Er muss sich öffnen, das Gesetz erfüllen. Jetzt ist das möglich, weil er erfahren hat: Ich bin von Gott angenommen. Ich muss nicht darauf warten, dass mich andere ganz und gar annehmen. Gott akzeptiert mich auch mit meinen Flecken, Wunden und Dunkelheiten. In mir kann Gottes Herrlichkeit leuchten. Und in dieser Herrlichkeit, in diesem Licht kann ich meinen Weg gehen. Und dieser Weg des Lebens beginnt jetzt.

Was heißt all das für uns heute in der Situation der Corona-Pandemie und nicht nur in ihr, sondern auch in der angesprochenen Problematik des allgemeinen „Aussätzig-seins“?

Weil der Aussätzige sich Jesus zuwendet, beginnt die Heilung. Kann das, was wir als Krankheit, als soziale Zerrissenheit, als bedrängende innere und äußere Not erfahren, nicht auch ein Anstoß sein, sich neu – will sagen – sich anders an Gott zu wenden, sich ihm wirklich zu öffnen?

Nur so gebe ich Gott die Chance, mich zu heilen.

Eine Frage bleibt: Warum schärft Jesus dem Geheilten ein, nicht über das Geschehen reden? Die Antwort hat zwei Ebenen: Zuerst braucht es Zeit, den Weg im Licht des Glaubens zu finden. Und dann: Markus will noch etwas anderes damit sagen. Der Geheilte erzählt, was mit ihm geschah ja dennoch weiter. Und Jesus kann sich kaum noch des Andrangs der Menschen erwehren. Das heißt nichts anderes als: Gottes Heil ist jetzt offen für alle!

Jetzt sind wir eingeladen, unseren Aussatz, unsere Trauer und unseren Schmerz Jesus zu sagen. Öffnen wir uns seiner Liebe. Beginnen wir mit einem kleinen Stoßgebet: „Wie du willst und weißt, Herr. Erbarme dich meiner.“

Seien Sie gesegnet und behütet!                      Ihr P. Guido

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