Predigt zum 3. Fastensonntag – C – Ex 3,1-8a.10.13-15; 1 Kor 10,1-6.10-12 u. Lk 13,1-9
Das Stichwort für die Vorbereitungszeit auf Ostern, für die Fastenzeit, ist „Umkehr“. Immer wieder wird uns besonderer Anstoß gesagt, dass wir von falschen Wegen unseres Lebens, also von Wegen, die uns von Gott wegbringen, umkehren sollen. Das ist der Kernauftrag Jesu. Nun kann aber jemand nur dann umkehren vom falschen Weg, wenn er überhaupt eine Vorstellung davon hat, wohin der richtige Weg gehen könnte und was der richtige Weg sein kann! Das griechische Wort „metánoia“, das in der Heiligen Schrift den Begriff der Umkehr bezeichnet, hat neben anderen auch die Bedeutung „dahinter schauen“. Also sind wir aufgerufen in der UMKEHR dieser österlichen Bußzeit hinter unsere Lebenserfahrungen zu schauen und ebenso hinter all die Dinge zu blicken, die uns auf unserem Lebensweg begegnen, und – das ist das eigentlich entscheidende – hinter allem Gott zu suchen und zu entdecken.
Die heutigen Schriftlesungen bringen das auf den Punkt: Mose nimmt im lodernden Brennen eines nutzlosen Dorngestrüpps Gott selbst wahr, Gott, der nicht fern vom Menschen ist, sondern das Schreien und die Bedrückung seines Volkes wahrnimmt und darauf reagiert: Er will mit Mose sein Volk retten und befreien. Paulus sieht, so schreibt er es der Gemeinde von Korinth, Christus verborgen im Volk Israel mit auf dem Wüstenweg der Befreiung und sagt damit, dass auch heute Christus und in ihm Gott mit dem neuen Volk Israel, der Kirche, durch die Wüste dieser Zeit geht. Deshalb mahnt er all jene in dieser christlichen Gemeinde, zusammenzuhalten und nicht untereinander zerstritten und aufgebracht zu sein, damit sie ihre Berufung als Christen nicht verlieren. Und Jesus greift schlimme Ereignisse aus dem Jerusalemer Tagesgeschehen auf, die ihm zugetragen wurden, um seine Zuhörer zu mahnen: Seht hinter den schrecklichen Ereignissen nicht die Strafe für Sünden anderer, seht diese Ereignisse als Grund zur eigenen Umkehr, als Grund, selbst auf euere Beziehung zu Gott zu schauen und sie neu zu beleben! Und dann überliefert uns Lukas dieses wunderbare Gleichnis von den Bemühungen des Winzers um den fruchtlosen Feigenbaum (Lk 13, 6-9). Er, Jesus selbst sieht sich als der Winzer, der dem Baum – vielleicht sind wir ja dieser fruchtlose Feigenbaum – noch einmal eine Chance geben will.
Da erzählt ein Weiser folgende Geschichte: „In meiner Jugend war ich Revolutionär, und mein einziges Gebet zu Gott lautete: Herr, gib mir die Kraft, die Welt zu ändern.
Als ich die mittleren Jahre erreichte und merkte, dass die Hälfte meines Lebens vertan war, ohne dass ich eine einzige Seele geändert hätte, wandelte ich mein Gebet ab und bat: Herr, gib mir die Gnade, all jene zu verändern, die mit mir in Berührung kommen. Nur meine Familie und Freunde, dann bin ich schon zufrieden.
Nun, da ich ein alter Mann bin und meine Tage gezählt sind, beginne ich einzusehen, wie töricht ich war. Mein einziges Gebet lautet nun: Herr, gib mir die Gnade, mich selbst zu ändern."
Anthony de Mello, Warum der Vogel singt, (c) Verlag Herder, Freiburg, 25. Auflage 2003
Gib mir die Gnade MICH zu ändern! Anthony de Mello hat recht. Also muss ich mich fragen: Was an meinem Glauben ist Routine geworden, ist leer und schal? Ist mir, ist uns klar, dass Gott uns aus den Bedrückungen und Fruchtlosigkeiten unseres Lebens einen Weg, eine Perspektive, Befreiung schenken will, indem er mit uns geht, dass er in Christus an unserer Seite ist und sich uns in der Eucharistie zur Stärkung als Nahrung der Seele schenkt? Begreifen wir, dass er im Sakrament der Umkehr, der Beichte und Versöhnung, uns annimmt als der liebende Vater, die treusorgende Mutter, damit wir als Gottes geliebte Töchter und Söhne leben?
Wir – jeder einzelne und wir als Gemeinde – müssen uns fragen, und die Antwort auf diese Frage entscheidet über den künftigen Weg und ist wichtig für das eigene Leben: Ist der dreieinige Gott, auf den wir getauft sind, der entscheidende und prägende Bezugspunkt meines – unseres Lebens? Oder gebe ich mich mit dem Oberflächlichen und Vergänglichen zufrieden. Wer ist Jesus Christus für mich? Verstehe ich, dass er sich um mich kümmern will, weil er mich liebt und mir den Weg zur Fülle des Lebens zeigen möchte?
Im Buch des Propheten Micha stehen die wunderbaren Worte: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir erwartet. Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott!“ (Micha 6,8).
Wir sind eingeladen, hinter die Realitäten unseres eigenen Lebens zu schauen, um so als einzelne und als Gemeinde einen neuen Weg des Glaubens und der Liebe Gottes zu finden.
Lassen wir uns vom Winzer Jesus Christus helfen. Er will uns zur Seite stehen, damit wir Früchte bringen, die bleiben. Er will uns zur Fruchtbarkeit eines Lebens führen, das sich in der Ewigkeit Gottes vollendet. Er ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
Ich wünsche gesegnete Tage der Fastenzeit und bleibt behütet!
Ihr P. Guido