Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis C – Erntedank – Hab 1,2-3;2.2-4; 2 Tim 1,6-8.13-14 u. Lk 17,5-10
Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist der österreichisch-böhmische Schriftsteller Franz Werfel (1890-1945). Im Jahr 1939, kurz bevor er wegen seiner jüdischen Abstammung nach Amerika emigrierte, erschien sein Roman „Der veruntreute Himmel“, der später zweimal verfilmt wurde (1958 und 1990). Die Hauptfigur des Romans ist die aus Böhmen stammende Köchin Teta Linek. Ihrer naiven Frömmigkeit entspricht ein von ihr entwickelter Lebensplan, der über ihren Tod hinausreicht, ein Lebensplan bis in alle Ewigkeit, wie sie meint. Sie ist der Auffassung, dass ihr ein Platz im Himmel zusteht. Warum? Nun, sie hat einen Neffen, der Mojmir heißt. Diesen lässt sie auf ihre Kosten Theologie studieren, kümmert sich aber ansonsten nicht um ihn. Lediglich einige Briefe werden ab und an gewechselt. Seiner priesterlichen Fürsprache – so meint sie – würde sie später einmal selbst den Himmel verdanken. Erst nachdem die mittlerweile Siebzigjährige in die vermeintliche Pfarrei des Neffen gereist ist, mit der Absicht, bei ihm ihren Lebensabend zu verbringen, merkt sie, dass sie einem Schwindler aufgesessen ist. Er ist nicht Priester geworden. Der Neffe hat ihr den Himmel veruntreut. Er hat ihr den Himmel unterschlagen. Ihr Lebensplan scheint geplatzt, der Anspruch auf den Platz im Himmel, ihr Ewigkeitsanspruch scheint verwirkt.
Aber ist das wahr? Wer hat denn hier den „Himmel veruntreut“? Das ist die entscheidende Frage, denn die Frage trägt in sich die irrige Meinung, man könne sich den Himmel in irgendeiner Weise verdienen oder gar kaufen. Im Roman Werfels unternimmt die Köchin Teta nach der niederschmetternden Erkenntnis, dass ihr Neffe sie jahrzehntelang betrogen hat, eine Pilgerfahrt nach Rom, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden. In einer Beichte auf dieser Pilgerfahrt erkennt sie, dass ihr eigenes berechnendes Handeln eine Sünde war.
Das Sein, das Leben und letztlich die erstrebte Gemeinschaft in Gott, sie sind „gratis“ – eben wie es dieses Wort sagt „aus Gnade“ – Geschenk. Die gesamte Schöpfung, ja wir selbst sind von Gott her aus Gnade und in Gnade, gemacht aus Liebe und damit selbst Geschenk der Liebe. Insofern sind wir alle in unserer Beziehung zu Gott zunächst als seine Geschöpfe abhängig – Jesus spricht vom Sklaventum, vom Knecht-Sein: „Wenn ihr alles getan, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17,10). Der Glaube, den die Jünger so gerne gestärkt sehen wollen (vgl. Lk 17,1) dieser Glaube ist als Ausdruck der inneren Beziehung genau dieses „Knecht-Sein“, das aber nach Jesu Worten ja keine „Knechtung“ also keine „Unterdrückung“ ist, sondern der aus Liebe geschuldete Dienst: Glaube ist Antwort auf den Liebesdienst Gottes in Jesus. Wir sind in unserer irdischen Existenz also aus Liebe geworden und gleichzeitig in dieser Gnade zur Liebe gerufen. Das Ziel ist die vollendete Gemeinschaft mit Gott. Diese Gemeinschaft nennen wir „Himmel“.
Im Kontext der Liebe kann man sich den Himmel aber nicht verdienen, nicht durch Geld und gute Werke, wie es beispielsweise Teta Linek in Werfels Roman versucht hat. Vielmehr gehört es, wenn wir den Worten Jesu zustimmen, unabdingbar zu uns – ist wesenhaft –, das Gute zu tun und die Liebe zu leben, weil Gott unser Herr ist und wir zu ihm gehören, weil unser Herr unendlich gut ist und wir Teil von ihm sind, weil Gott die Liebe ist. Das ist eine besondere Form von Abhängigkeit, es ist Abhängigkeit und Verwiesen-Sein auf die Liebe Gottes, ja mehr noch: Wir sind selbst Teil dieser Liebe. Wenn wir gegen die Liebe Handeln – wie es zum Beispiel Teta Linek aus Berechnung getan hat, dann sondern wir uns von der Liebe ab, dann sündigen wir.
Wir müssen die Abhängigkeit von Gott als positive Wirklichkeit unserer Existenz begreifen. Die positive Wirklichkeit bedeutet, dass ich, dass wir das Geschenk der Gemeinschaft mit Gott annehmen. Wenn wir diesen Schritt tun, dann, so könnte man sagen, werden wir nicht in die Irre gehen, dann müsste uns der Himmel sicher sein. Aber… Ja es bleibt dieses Aber-Wort, denn in unserer Freiheit lässt Gott uns immer die Möglichkeit seinen Plan der Liebe anzunehmen oder abzulehnen. Wenn wir so Gottes Liebe und Sorge nicht wahrnehmen, sie verneinen und ablehnen, dann veruntreuen wir im Grunde den uns als Kindern Gottes zugesprochenen Himmel: Wir verlieren die innige Gemeinschaft mit Gott und veruntreuen seine Gabe. Genauso wie wir in freier Entscheidung das Geschenk der Schöpfung und jede Gnadengabe Gottes veruntreuen und damit schädigen und verlieren können. Zuletzt können wir auch Gott selbst verlieren. Und das ist eigentlich die Hölle, die Gottesferne.
Nun könnte man einwenden: Dann sind wir aber in unserer Entscheidung letztlich doch nicht wirklich frei! Zu diesem Einwand möchte ich sagen: Freiheit ist immer Freiheit zur Entscheidung. Die beste Entscheidung ist immer jene Entscheidung, die Leben bedeutet und Leben fördert.
Deshalb, genau deshalb betont Jesus so sehr die Notwendigkeit der Entscheidung zum Glauben. Die Bitte der Jünger, dass der Herr ihren Glauben stärke, muss folgerichtig nach dem Evangelisten Lukas die Bitte der Christen, seiner Gemeinde und auch unsere Bitte sein. Denn an Gott als der Liebe selbst zu glauben ist die Entscheidung zum Leben in Fülle. Der Glaube an das Sein und Wirken Gottes ist getragen von der freien Zustimmung dazu, in ihm zu sein und zu bleiben, sein Kind, seine Tochter, sein Sohn zu sein, abhängig von ihm und gleichzeitig in seiner Liebe zu leben, so, wie Jesus selbst es uns vorgelebt hat und wozu er uns immer wieder stärkt durch sein Fleisch und sein Blut in der Eucharistie.
Seien wir dafür und für jede Gnade, jede Gabe Gottes dankbar und froh! Wählen wir das Leben!
Seien Sie gesegnet und behütet in der Liebe Gottes!
Ihr P. Guido















