Predigt zum 28. Sonntag im Jahreskreis – C – 2 Kön 5,14-17; 2 Tim 2,8-13 u. Lk 17,11-19
Die Heilung von Aussatz, von Lepra, dieser schrecklichen Krankheit, die ausgrenzt und absolut vereinsamt, weil die Furcht vor Ansteckung dazu führte, dass die von der Krankheit befallenen aus jeglicher menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen wurden, diese Heilung, ist das das Wunder, von dem Lukas hier im Evangelium erzählt?
Schauen wir den Text noch einmal in Ruhe an:
Es sind zehn Aussätzige. Warum gerade zehn? Ich erinnere mich, dass es zehn Gemeindemitglieder braucht, um nach den jüdischen Gottesdienstregeln einen gültigen Gottesdienst feiern zu können. Das hebräische Wort dafür, so steht es in der Gesetzessammlung der „Halacha“, heißt „minjan“ und meint die Mindestzahl von zehn mündigen Gemeindemitgliedern, um überhaupt Gemeinde sein zu können. Also geht es in dieser Schriftstelle um Gemeinde. Das dürfen wir vermuten. Das deutet der Evangelist an.
Die Aussätzigen stehen in der Ferne. Man könnte sagen, dass sie um die Gefährdung durch die mögliche Ansteckung dieser Krankheit wissen und dass es ihnen deshalb vom Gesetz verboten ist, gesunden Menschen zu nahe zu kommen. Sie sind „ausgesetzt“ und „ausgegrenzt“ von der Gemeinschaft und vom Leben überhaupt, wie es der Name der Krankheit ja auch sagt (vgl. Lev 13,2-17 u.a.). Gerade ihnen, denen am Rande der Gesellschaft gilt die besondere Aufmerksamkeit Jesu. Sie sind gerade bei Lukas die ersten Adressaten der Botschaft des Reiches Gottes. Sie, die Schwachen, die Armen, die am „Rande“, sie sind im Verständnis des Lukas die Mitte und der Kern der Gemeinde Jesu. Die „Zehn“ – also die Gemeinde – sie rufen: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ (Lk 17,13). Nochmal: Es geht um „Gemeinde“ in diesem Evangelium. So können wir festhalten. Fragen wir: Wo wird Gemeinde, wo wird Kirche am deutlichsten sichtbar? Wo versammelt sich Gemeinde? Wo ruft sie nach dem Erbarmen des Herrn? Natürlich in der Feier des Gottesdienstes, in der Feier der Eucharistie. Das genau haben wir hier vor uns: Die junge Christengemeinde des Lukas bedrängt nämlich die Frage, wie sie im Glauben Jesus konkret begegnen kann, wo er, dessen Name bedeutet „Gott rettet“, doch nicht mehr direkt mit Händen zu greifen ist. Wie und wo also kann man ihn unmittelbar erfahren? Das ist die Frage der lukanischen Gemeinde. Das, so denke ich ist auch heutige Fragestellung. Mit der Heilungsgeschichte heute sagt Lukas: Er ist in jenem Zeichen greifbar und deutlich zu erfahren, das er selbst gegeben hat, und gegenwärtig in der gottesdienstlichen Versammlung, in der Feier der Eucharistie.
Genau sie hält Lukas uns vor Augen: Denn am Anfang der Erzählung der Heilung der zehn Aussätzigen steht die Anrufung des Herrn – das KYRIE ELEISON – der Ruf nach dem Erbarmen Gottes. Das sichtbare Erbarmen Gottes ist Jesus. Er ist der Heilsbringer, der Heiland. Und in dessen Wort „Dein Glaube hat dich gerettet!“, wird Vergebung und Heilung Wirklichkeit. Vom zurückgekehrten Geheilten heißt es dann später: Er dankte ihm – „euchariston“ auf griechisch. Bitte, Lobpreis und Dank, Verherrlichung und Sendung kommen ausdrücklich zur Sprache. Alles Elemente, die den Gottesdienst der Gemeinde kennzeichnen. Lukas deutet auch auf das, was überkommener gottesdienstlicher Brauch ist, denn er zeigt darauf, dass zwar alle zu den „Priestern“ gehen, wie es das jüdische Gesetz aus dem Buch Levitikus vorschreibt. Doch da geschieht Veränderung. Neun bleiben im Alten hängen. Nur einer kehrt um zu Jesus, dem wahren und einzigen Priester des neuen Bundes. Und wie Jesus dem Zurückgekehrten das Heil zuspricht, so lebt und wirkt und begegnet er der Gemeinde in der Feier der Eucharistie. Lukas erstellt uns also eine Lehrstunde über den Gottesdienst, eine Katechese. So macht er deutlich, dass die Eucharistie, die Feier des Gottesdienstes – darauf verweist ja die Zehn-Zahl des „minjan“ – Kern und Mitte der Gemeinde ist und ebenso unmittelbarer Begegnungsort mit dem einzigen und wahren Priester, mit Jesus Christus. Doch nicht genug damit: Er, Jesus Christus allein kann das Wunder der Nähe Gottes vollenden. Das wird dadurch unterstrichen, dass nur jener Geheilter, der zurückkehrt, um zu danken, die volle Kraft der Nähe Jesu erfährt: Er folgt ihm nach. Die Erfahrung des Heiles durch Jesu macht ihn zum Jünger. Heilung meint immer den ganzen Menschen und ist auch immer Heiligung. Der Geheilte ist das, was auch wir sein und werden sollen: Heil an Leib und Seele – erlöste, geheilte Menschen.
Immer wieder sind wir aufgerufen, aus unserer Erlösungsbedürftigkeit so zu Christus zu rufen, um im Sakrament seine Nähe, die Vergebung und das Heil zu erfahren, und als seine Jünger und Jüngerinnen hinauszugehen in die Welt als Zeugen der Liebe Gottes. Das zu begreifen ist das tägliche Wunder des Christseins und des Lebens aus der Gnade Gottes. Spektakuläre Wunder – wie beispielsweise die Heilung der zehn Aussätzigen – sind so betrachtet, lediglich Hilfsmittel und Anstöße, selbst das Wunder des Glaubens aus der Nähe des auferstandenen Herrn zu leben. Lassen wir uns also wandeln in geheilte Menschen.
Ich wünsche Ihnen den Segen Gottes und bleibt behütet!
Ihr P. Guido















